Kognitive Neurowissenschaften

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Kognitive Neurowissenschaften

ISBN: 
978-3-642-25526-7

Von der „Neuropsychologie“ zur „Kognitiven Neurowissenschaft“ – die 3. Auflage des beliebten Lehrbuchs erscheint mit neuem Titel! Damit wird der Weiterentwicklung des dargestellten Fachgebietes Rechnung getragen: Neben die Neuropsychologie sind weitere Fachdisziplinen und Methoden getreten, die gemeinsam zu erklären versuchen, wie das Gehirn komplexe Leistungen erbringt. Die Kognitive Neurowissenschaft bündelt dieses Wissen über die Grundlagen kognitiver Leistungen des Gehirns und ihrer krankheitsbedingten Störungen.

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Dieses Lehrbuch versteht sich als Standardwerk dieser Disziplin und präsentiert eine integrative Betrachtung sämtlicher kognitiver Leistungen, von Wahrnehmung über Aufmerksamkeit, Orientierung, Sprache, Denken, Vorstellung, Gedächtnis, Handeln, Reagieren, Motorik bis hin zur Emotion. Es berücksichtigt Beiträge verschiedenster Disziplinen aus den Bereichen Psychologie, Biologie und Medizin. Dozenten und Studenten all dieser Fachgebiete können von der fächerübergreifenden Sicht des Buches profitieren. Der Einstieg in die Kognitive Neurowissenschaften macht Spaß: Merksätze und Zusammenfassungen erleichtern das Lernen, Fallbeispiele und Exkurse vertiefen das Wissen. Die 3. Auflage wurde komplett überarbeitet und um zahlreiche neue Kapitel ergänzt.

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BegriffErklärung
Absolutes GehörDie Fähigkeit, Tonhöhen ohne einen zuvor gehörten und benannten Referenzton korrekt zu benennen. Frühes musikalisches Training vor dem Alter von 9 Jahren scheint die Ausbildung des absoluten Gehörs zu fördern. Darüber hinaus ist eine genetische Komponente für den Erwerb des absoluten Gehörs von Bedeutung.
AchromatopsieSeltene Störung der visuellen Wahrnehmung, bei der es zu völliger Farbenblindheit kommt. Ursache: entweder Ausfall der Zapfen-Photorezeptoren in der Netzhaut (Stäbchenmonochromasie) oder Läsionen des visuellen Kortex (zerebrale Achromatopsie).
Adaptation oder motorisches LernenOptimierung einer spezifischen visuomotorischen Transformation. Wichtige Beispiele sind die Adaptation der Sakkadenamplitude oder des Verstärkungsfaktors des vestibulookulären Reflexes.
AfferenzenAlle Zuflüsse neuronaler Information zum zentralen Nervensystem (ZNS). Im engeren Sinne: alle Erregungen, die aus der Peripherie dem ZNS zugeleitet werden.
AgnosieDurch Hirnschädigung bedingte Störung des Erkennens bei erhaltener primärer Wahrnehmung. In Abhängigkeit von der Sinnesmodalität der betroffenen Wahrnehmungen werden visuelle, akustische, taktile, olfaktorische etc. Agnosien unterschieden.
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Frage 1 von 323
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  • Welche Anforderung stellt das von Teuber formulierte Paradigma der „doppelten Dissoziation“ an die Erforschung der Zusammenhänge zwischen lokalisierten Hirnschädigungen und kognitiven Funktionsstörungen?

    Lösung

    Um eine bestimmte perzeptive oder kognitive Funktion einer kortikalen Region zuordnen zu können, muss, erstens, die Störung der Funktion nach Läsion dieser Region auftreten, ohne dass sie zugleich auch nach Läsionen anderer Hirnregionen auftritt; zweitens darf die Schädigung der zur Diskussion stehenden kortikalen Region nicht auch andersartige Funktionen stören.
  • Auf welche besondere Hirnschädigung lässt die von Liepmann beschriebene unilaterale Apraxie der linken Hand schließen?

    Lösung

    Das Auftreten einer unilateralen Apraxie der linken Hand weist auf eine Läsion im vorderen oder mittleren Teil des Corpus callosum mit Unterbrechung der Kommissurenfasern zwischen dem motorischen Assoziationskortex der rechten und linken Großhirnhemisphäre hin. Es handelt sich also um eine Leitungs- oder Diskonnektionsstörung.
  • Welche besondere Bedeutung hatte die Aphasieforschung in der Entwicklung der Neuropsychologie?

    Lösung

    Da Störungen der Sprachfunktionen z. B. nach einem linksseitigen Schlaganfall auch ohne spezielle diagnostische Untersuchungsverfahren zu erkennen sind, war die Aphasie eine der ersten Funktionsbeeinträchtigungen, welche die Theorie bestätigte, dass ein lokalisatorischer Zusammenhang zwischen bestimmten Hirnregionen und bestimmten kognitiven Funktionen besteht.
  • Auf welcher Messmethode beruht die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT)?

    Lösung

    Die Methode zur Messung der Hirnaktivität, derer sich die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) bedient, beruht auf dem sogenannten BOLD-Kontrast („blood oxygenation level dependent contrast“). Dabei wird davon ausgegangen, dass sich bei einer Hirnaktivität die Blutverteilung im betroffenen Gehirnareal kurzzeitig verändert. Man kann dabei von einer Art Oxygenierung im Blut sprechen, in deren Folge sich der Blutfluss und der Blutanteil erhöhen. Die fMRT ermöglicht also die räumliche Lokalisation der aktivierten Areale.
  • Welches prinzipielle Design wird in Studien mit funktioneller Magnetresonanztomographie angewendet?

    Lösung

    FMRT-Studien nutzen meist das Design der „kognitiven Subtraktion“. Dabei werden Aktivierungsmuster bei der Durchführung einer Aufgabe mit dem Aktivierungsmuster bei der Durchführung einer Kontrollaufgabe verglichen (t-Test). Auf diese Weise ist es möglich, einzelne Verarbeitungskomponenten separat zu analysieren und hierarchische Funktionsprozesse statistisch miteinander zu vergleichen.
  • Wie lassen sich strukturelle und/oder funktionelle Hirnscans verschiedener Probanden miteinander vergleichen?

    Lösung

    Um Bilder des Gehirns verschiedener Probanden miteinander vergleichen zu können, muss eine Transformation in einen standardisierten, anatomischen Referenzraum durchgeführt werden. Der zur Zeit am meisten genutzte Referenzraum basiert auf dem stereo¬taktischen Atlas von Talairach u. Tournoux (1988).
  • Welchen Vorteil haben Läsionsanalysen gegenüber der fMRT?

    Lösung

    Der Vorteil von Läsionsanalysen bei Patienten mit Hirnschädigungen im Vergleich zur fMRT bei Gesunden ist, dass mit diesen explizit gezeigt werden kann, welche Areale für eine bestimmte Funktion entscheidend sind. Die fMRT kann diese strikte Trennung von kritischen und einfach nur mit-aktivierten Arealen, die möglicherweise für andere Funktionen zuständig sind, nicht vornehmen.
  • Warum ist es nicht möglich, die Geschwindigkeit eines bewegten Objekts anzugeben, welches isoluminant (d. h. gleichhell, aber in einer anderen Farbe) zum Hintergrund ist?

    Lösung

    Das magnozelluläre System, welches den Eingang in den dorsalen Pfad („Wo-System“) darstellt, ist unempfindlich für die Wellenlänge des Lichts. Mit anderen Worten, es ist farbenblind. Eine der Leistungen des dorsalen Pfades ist die Verarbeitung von Bewegung, die für isoluminate Reize nicht erfolgen kann.
  • Welche anatomische Eigenschaft der primären Sehrinde prägte den Namen „striärer Kortex“?

    Lösung

    Der Gennari-Streifen, der einen zusätzlichen Streifen in der Schicht VI in der primären Sehrinde bildet, der im Schnittpräparat gut erkennbar ist.
  • Warum führt die retinale Bildverschiebung einer schnellen Blickbewegung (Sakkade) zu keiner bewussten Bewegungswahrnehmung?

    Lösung

    Das magnozelluläre System, u. a. im Nucleus (Corpus) geniculatum laterale), ist während der Ausführung einer Sakkade durch einen Prozess inhibiert, der sakkadische Inibition genannt wird.
  • Welche Entladungsmuster weisen die Neuronen im Nucleus (Corpus) geniculatum laterale auf?

    Lösung

    Diese Neuronen weisen reguläre und salvenartige Entladungen auf.
  • Aus welchem Abschnitt des Gehirns entwickelt sich die Retina in der Ontogenese?

    Lösung

    Unter der Induktion des zukünftigen Linsenektoderms stülpt sich ein Teil des Dienzephalons der Hirnanlage aus und bildet die Retina.
  • Was sind mögliche evolutionäre Vorteile des trichromatischen Farbensehens? Könnte es eventuell auch Nachteile geben?

    Lösung

    Trichromatisches Farbensehen ermöglicht die Unterscheidung von Farbtönen zwischen rot und grün. Ein unmittelbarer Vorteil ist es daher, rote Früchte von grünen Blättern unterscheiden zu können. Dieser spezifische Vorteil gilt im Moment als der wichtigste evolutionäre Aspekt bei der Entstehung der Trichromasie (Regan et al. 2001). Daneben gibt es aber auch deutliche generelle Vorteile des trichromatischen Farbensehens durch eine verbesserte Bildsegmentierung und eine erweiterte Bildrepräsentation (Gegenfurtner u. Rieger 2000).
    Interessanterweise ist die Mehrzahl der Neuweltaffen in Südamerika dichromatisch, obwohl die Umweltbedingungen nahezu identisch zu denen in der Alten Welt sind. Daraus kann man schließen, dass das trichromatische Farbensehen nach der Trennung der Kontinente vor ca. 35 Mio. Jahren entstanden ist. Es wird angenommen, dass die Evolution in der Neuen Welt noch am Werke ist.
    Die möglichen Nachteile eines dritten Zapfentyps werden sichtbar, wenn man sich die Verteilung der Zapfen über die Netzhaut ansieht. An jedem Ort kann es nur einen Zapfen geben, und die Empfindlichkeit für bestimmte Farben ist sicherlich von der Anzahl der Rezeptoren eines Typs abhängig. Wenn man also die Hälfte der L-Zapfen durch M-Zapfen ersetzt, dann wird die Empfindlichkeit für solche Reize sinken, die in erster Linie die L-Zapfen ansprechen (Sharpe et al. 2006). Des Weiteren könnte es zu Verschlechterungen der Sehschärfe kommen, da Unterschiede in der Aktivierung benachbarter Zapfen auch durch die unterschiedliche spektrale Empfindlichkeit benachbarter L- und M-Zapfen entstehen können (Williams et al. 1993).
  • Wie lassen sich Beleuchtungsänderungen kompensieren, um zu einer stabilen Wahrnehmung der Farbe zu kommen?

    Lösung

    Da das ins Auge gelangende Licht das Produkt aus Beleuchtung und Reflektanz ist, und nur die Reflektanz eine invariante Eigenschaft der Objekte ist, muss der Faktor Beleuchtung kompensiert werden. Dies ist möglich, weil sich die Beleuchtung üblicherweise über die ganze Szene oder zumindest große Bereiche der Szene erstreckt. Eine gängige Methode zur Kompensation ist es daher, die mittlere Farbe über die ganze Szene hinweg zu berechnen und den Mittelwert dann an jedem Bildpunkt zu subtrahieren. Man nimmt sozusagen an, dass alle Szenen im Mittel grau sind. Diese einfache Art der Normalisierung ist ganz ähnlich zu dem Weißabgleich in vielen Digitalkameras. Man benötigt dazu aber auf der neuronalen Ebene rezeptive Felder, die sich über größere Bereiche der Szenen erstrecken. Neben dieser Normalisierung können auch die Kontraste über Kanten hinweg sowie zahlreiche andere perzeptuellen und kognitiven Faktoren zur Farbkonstanz beitragen (Kraft u. Brainard 1999; Hansen et al. 2006, 2007).
  • Wie werden die von den Zapfen kommenden Signale in den retinalen Ganglienzellen verarbeitet?

    Lösung

    Die Signale aus den Zapfen werden in einem Netzwerk aus Bipolar-, Horizontal- und Ganglienzellen in die sog. Gegenfarbkanäle codiert. Im Helligkeitskanal wird die Summe der Signale aus Rot- und Grünzapfen (R+G) gebildet, im Rotgrünkanal die Differenz der beiden (R–G). Im Blaugelbkanal schließlich wird die Differenz aus dem Signal der Blauzapfen und der Summe der Rot- und Grünzapfen gebildet (B–(R+G)). Dabei werden die hohen Korrelationen, die in den Erregungen der einzelnen Zapfentypen vorhanden sind, weitestgehend minimiert.
  • Wie unterscheidet sich die kortikale Verarbeitung von Farbinformation von der retinalen?

    Lösung

    In der Retina verläuft die Verarbeitung in drei getrennten Kanälen, zuerst in den drei Klassen von Zapfen, dann in den drei Gegenfarbkanälen. Im Kortex dagegen wird aus diesen drei Gegenfarbkanälen eine Vielzahl an höheren Farbmechanismen gebildet, die allesamt unterschiedliche farbliche Präferenzen haben (Gegenfurtner 2003). Des Weiteren kann davon ausgegangen werden, dass im Kortex die neuronale Antwort zunehmend unabhängig von der Beleuchtung wird, also die Farbkonstanz erreicht wird.
  • Wie könnte der Familienstammbaum einer weiblichen Dichromatin aussehen? Ist ihr Ehepartner auch farbenblind? Eventuelle Brüder oder Schwestern?

    Lösung

    Eine weibliche Dichromatin muss zwei defekte X-Chromosomen aufweisen. Daher sind solche Fälle extrem selten. Der Vater einer weiblichen Dichromatin trägt sein einziges X-Chromosom bei. Er muss also auch dichromatisch sein. Die Mutter selber muss nicht farbenblind sein. Sie muss aber zumindest Trägerin eines defekten X-Chromosoms sein. Falls Sie nur Trägerin ist, sind die Schwestern der Dichromatin zu 50% auch Dichromatinnen. Gleiches gilt für die Brüder. Über den Ehepartner lässt sich natürlich keine spezielle Aussage treffen. Er ist, wie der Rest der Bevölkerung, mit einer Wahrscheinlichkeit von ca. 5% Dichromat. Die männlichen Nachkommen der Dichromatin, die ja ihr X-Chromosom von der Mutter haben, sind in jedem Falle farbenblind, genauso wie die weiblichen Nachkommen alle Trägerinnen des defekten Gens.
  • Welche Störungen des Sehens ziehen Läsionen des temporookzipitalen Kortex unter Einbeziehung der Area hMT+ beim Menschen nach sich? Welche besondere Eigenschaft zeichnet Neurone in dieser Area aus?

    Lösung

    Typisches Störungsbild ist ein Verlust der Wahrnehmung visueller Bewegung, währenddessen andere Qualitäten wie das Erkennen von Formen und Farbe weitgehend erhalten bleiben. Das Störungsbild erklärt sich durch die hohe Prävalenz richtungsselektiver Neurone. Unter Richtungsselektivität versteht man die Eigenschaft von Nervenzellen, in Abhängigkeit von der Richtung präsentierter visueller Bewegung zu entladen, die Bewegungsrichtung somit neuronal zu codieren.
  • Warum erscheint uns die visuelle Umwelt als stationär, obwohl wir durch langsame Augenbewegungen andauernde Verschiebungen ihres Abbildes auf unserer Retina erzeugen?

    Lösung

    Wahrnehmungskonstanz wird dadurch begründet, dass retinale Bewegungssignale mit Referenzsignalen (extraretinalen Signalen) verglichen werden, die den Bewegungszustand des Auges widerspiegeln. Sind retinale und extraretinale Signale gleich groß, kann angenommen werden, dass die vorliegende Bildverschiebung das Resultat einer eigenen Bewegung war. Sind die Signale unterschiedlich groß, liegt eine Bewegung in der Außenwelt zugrunde.
  • Warum gibt visuelle Bewegung wertvolle Information über den Raum, in dem wir uns bewegen?

    Lösung

    Jede Form von Eigenbewegung erzeugt ein komplexes Muster retinaler Bildverschiebungen, ein sog. Flussfeld, das aus der Projektion des Umweltbildes auf die bewegte Netzhaut resultiert. Ein solches Flussfeld spiegelt deshalb nicht nur den Bewegungszustand des Betrachters, sondern auch Raumeigenschaften wider.
  • Warum können wir sehr wohl die Entfernung von Objekten im Straßenverkehr abschätzen, nicht aber die Entfernung von Sternen?

    Lösung

    Das Abschätzen räumlicher Tiefe und von Abständen basiert u. a. auf der Analyse retinaler Disparität. Hierunter wird der Abstand der retinalen Positionen verstanden, auf welche ein visuelles Objekt im rechten und linken Auge zu liegen kommt. Dieser Abstand ist umso größer, je weiter das Objekt außerhalb der Fixationsebene, dem Horopter, zu liegen kommt und je näher sich das Objekt zum Betrachter befindet. Bei extremer Entfernung zum Betrachter nähert sich die Disparität null an und kann deshalb nicht mehr zur Einschätzung von Entfernungen herangezogen werden.
  • Worin besteht die funktionelle Bedeutung der Merkmalsintegration?

    Lösung

    Die Integration von Sinnesdaten zu kohärenten Wahrnehmungseindrücken ist Voraussetzung dafür, dass wir Objekte und Ereignisse in unserer Umwelt voneinander unterscheiden und klassifizieren können. Hierzu müssen die von den Sinnesorganen aufgenommenen Signale einem Strukturierungsprozess unterworfen werden, in dem elementare Sinnesdaten in gestalthafte Kontexte eingebettet und mit Bedeutung versehen werden.
  • Was besagt das Prinzip der Assembly-Codierung?

    Lösung

    Dieses Prinzip besagt, dass Informationen über Objekte nicht durch einzelne oder sehr wenige Neurone in der Hirnrinde verarbeitet werden, sondern durch ausgedehnte und über weite Bereiche verteilte Neuronenverbände. Es wird angenommen, dass die von einem Objekt aktivierten Neurone durch eine Synchronisation ihrer Impulse zu Assemblies zusammengeschlossen werden könnten. Da Nervenzellen in anderen Arealen besonders gut durch zeitlich korrelierte Eingangssignale aktiviert werden, könnte dies dazu führen, dass die durch synchrone Assemblies codierten Informationen bevorzugt weiterverarbeitet werden.
  • Was sind wichtige Vorhersagen, die sich aus dem Prinzip der zeitlichen Bindung ergeben?

    Lösung

    Es wird angenommen, dass zeitliche Korrelationen die Zusammengehörigkeit der Merkmale eines Objektes codieren und auf diese Weise für die Erzeugung eines kohärenten Perzepts von entscheidender Bedeutung sind. Neurone, die zum selben Zellverband gehören, sollten nach dieser Hypothese synchron aktiv sein. Zwischen verschiedenen Assemblies sollte jedoch keine feste zeitliche Beziehung bestehen. Sollte das Modell zutreffend sein, muss eine Bindung der neuronalen Antworten innerhalb einzelner sensorischer Areale stattfinden, um so die Zusammengehörigkeit von Merkmalen darstellen zu können. Darüber hinaus muss eine neuronale Synchronisation über sehr große Entfernungen im Gehirn auftreten, um eine Bindung zwischen verschiedenen Arealen herbeiführen zu können, die unterschiedliche Objektmerkmale analysieren.
  • Mit welchen Methoden lassen sich neuronale Oszillationen und Synchronisationsprozesse untersuchen?

    Lösung

    Die Untersuchung dieser Prozesse erfordert physiologische Messmethoden, die eine hohe zeitliche Auflösung besitzen. Im Tierexperiment kommen hierfür Ableitungen mit Mikroelektroden in Frage, mit denen im Hirngewebe neuronale Impulse registriert werden können. Bei Studien am Menschen kommen als nichtinvasive Methoden hierfür vor allem die Elektroenzephalografie (EEG) und die Magnetenzephalografie (MEG) in Betracht, mit denen durch außerhalb des Kopfes befindliche Sensoren zeitlich hochaufgelöst die Aktivität neuronaler Populationen gemessen werden kann.
  • Welche experimentellen Befunde sprechen für die Existenz zeitlicher Bindungsmechanismen?

    Lösung

    Es wurde inzwischen bei vielen Tierarten und auch beim Menschen nachgewiesen, dass Neurone in kortikalen und subkortikalen Strukturen ihre Aktivität synchronisieren können. Solche zeitlichen Korrelationen wurden sowohl innerhalb einzelner Areale als auch zwischen verschiedenen Hirnregionen beobachtet. Weiterhin konnte gezeigt werden, dass diese zeitlichen Korrelationen nicht immer in gleicher Weise auftreten, sondern durch die Konfiguration der sensorischen Reize beeinflussbar sind. Unter anderem lieferten Arbeiten zur Schielamblyopie, zum binokulären Wettstreit und zu den Grundlagen der Aufmerksamkeit Hinweise darauf, dass die Synchronisation mit Wahrnehmungsleistungen korreliert und eine notwendige Bedingung für die Entstehung kohärenter Wahrnehmungseindrücke darstellt.
  • Was beschreibt den Begriff „perzeptuelles Lernen“?

    Lösung

    Relativ dauerhafte und konsistente Veränderung der Wahrnehmung von Reizen aufgrund vorangehender Erfahrung bzw. Übung, oft mit Beteiligung relativ „peripherer“ Ebenen der kortikalen Informationsverarbeitung.
  • Kann die Funktion peripherer sensorischer Kortexareale auch bei Erwachsenen verbessert werden und, wenn ja, wodurch?

    Lösung

    Ja, durch perzeptuelles Lernen.
  • Welcher Befund deutet auf eine Beteiligung peripherer sensorischer Kortexareale beim perzeptuellen Lernen hin?

    Lösung

    Zum einen die hohe Reizspezifität und zum andere die elektrophysiologischen Korrelate über dem frühen visuellen Kortizes.
  • Nennen Sie eine Möglichkeit, wie perzeptuelles Lernen die frühe Signalverarbeitung für eine Aufgabe ändern kann, ohne mit der Verarbeitung anderer Reizwahrnehmungen zu interferieren.

    Lösung

    Durch sog. Top-down-Einflüsse wie gerichtete Aufmerksamkeit.
  • Nehmen wir unsere (visuelle) Umwelt so wahr, wie sie ist?

    Lösung

    Nein.
  • Nennen Sie drei bekannte Ursachen für Wahrnehmungstäuschungen im weiteren Sinne.

    Lösung

    a) begrenztes Auflösungsvermögen, b) Nebeneffekt von Signalverbesserungsoperationen, c) Uneindeutigkeit der Sinnessignale.
  • Worauf beruhen Nachbilder und die Änderung der wahrgenommenen Ortsfrequenz nach Betrachtung bestimmter Reizmuster?

    Lösung

    Lokale bzw. spezifische Adaptation an das zuvor betrachtete Reizmuster.
  • Welcher physiologische Mechanismus ermöglicht Film und Fernsehen?

    Lösung

    Raum-zeitliche Interpolation.
  • Was versteht man unter visuellen Reizerscheinungen und wodurch können sie ausgelöst werden?

    Lösung

    Visuelle Reizerscheinungen sind Seheindrücke ohne externe optische Reize. Sie können durch lokale pathophysiologische Prozesse, Deafferenzierung kortikaler visueller Areale oder durch die Schädigung afferenter Transmittersysteme verursacht sein.
  • Wann spricht man von visuellen Pseudohalluzinationen?

    Lösung

    Wenn der Betroffene seine visuellen Reizerscheinungen als „Trugwahrnehmungen“ einordnet, d. h., sich bewusst ist, dass diese visuellen Wahrnehmungen nicht durch externe optische Reize ausgelöst worden sind.
  • Was sind einfache, was komplexe visuelle Reizerscheinungen?

    Lösung

    Einfache visuelle Reizerscheinungen bestehen meist aus unbunten oder bunten Punkten oder Linien bzw. Mustern, während komplexe visuelle Reizerscheinungen aus komplexen Mustern, Gegenständen Gesichtern, Personen, Tieren oder Szenen bestehen können.
  • Was versteht man unter einem Flimmerskotom?

    Lösung

    Es handelt sich dabei um einen hell flimmernden Fleck, der im Gesichtsfeldzentrum wahrgenommen wird, ohne dass ein externer Reiz vorhanden ist. Der Fleck kann sich im ganzen Gesichtsfeldfeld ausbreiten und dabei die Form eines Punktmusters oder von Zickzacklinien annehmen.
  • Wodurch ist ein homonymer Gesichtsfeldausfall charakterisiert?

    Lösung

    Der Verlust der Sehfähigkeit betrifft korrespondierende Bereiche in beiden einäugigen Gesichtfeldern, und zwar ein Halbfeld (Hemianopsie), ein Viertelfeld (Quadrantenanopsie) oder einen kleinen Bereich im inneren Gesichtsfeldbereich (parazentrales Skotom). Der Schweregrad des homonymen Gesichtsfeldausfalls ist durch das Ausmaß an Restgesichtsfeld definiert.
  • Welche funktionellen Folgen haben homonyme Gesichtsfeldausfälle?

    Lösung

    Sie schränken den Überblick ein und behindern dadurch die globale Wahrnehmung der Umwelt, und beeinträchtigen die Lesefähigkeit durch die Störung der Textverarbeitung.
  • Was versteht man unter einem Zentralskotom?

    Lösung

    Homonymer Verlust der Sehfähigkeit im Gesichtsfeldzentrum; das Sehen im peripheren Gesichtsfeld ist erhalten.
  • Wie können homonyme Gesichtsfeldausfälle effizient kompensiert werden?

    Lösung

    Durch den Einsatz von Blickbewegungen, die an den Gesichtsfeldausfall angepasst werden, z. B. große systematische Blicksprünge für den Gewinn eines ausreichenden Überblicks, systematische Abfolgen von Blicksprüngen und Fixationen bei der Textverarbeitung.
  • Welche Untersuchungsverfahren werden zum Nachweis von Blindsehen eingesetzt?

    Lösung

    Direkte Verfahren, bei denen die Patienten Anwesenheit, Position und/oder Eigenschaften eines Sehreizes in einem rindenblinden Skotom erraten sollen, und indirekte Verfahren, bei denen die Patienten auf sichtbar in ihrem normalen Gesichtsfeldanteil gezeigte Sehreize reagieren; zusätzlich werden im Skotom Sehreize dargeboten, welche die Reaktion auf gesehene Reize beeinflussen können.
  • Welche Folgen hat eine Zerstörung der primären Sehrinde einer Hirnhälfte für das Sehsystem?

    Lösung

    Die Zerstörung verursacht eine absteigende Degeneration des Corpus geniculatum laterale, die transneuronal auf die Ganglienzellen der Netzhaut übergreift. Visuelle Information kann dann nur noch über die Axone der überlebenden Ganglienzellen ins extrageniculostriäre Sehsystem geleitet.
  • Welche Kritikpunkte sind gegen das Blindsehen vorgebracht worden?

    Lösung

    Die Befunde, die Blindsehen zeigen sollten, seien durch vom Sehreiz ausgehendes Streulicht, laxere Entscheidungskriterien und/oder innerhalb der zerstörten Sehrinde ausgesparten Gewebsinseln verursacht.
  • Welche Kontrollmessungen werden diesen Kritikpunkten entgegengehalten?

    Lösung

    Streulichtartefakte können durch Darbietung der auch im Blindsehexperiment verwendeten Sehreize im natürlichen blinden Fleck des Auges überprüft werden; Entscheidungskriterien können durch Verschiebungen der Auftretenswahrscheinlichkeit der Sehreize und durch Instruktion manipuliert werden; Inseln funktionstüchtigen Gewebes können anhand der medizinischen Diagnose, etwa bei vollständiger operativer Entfernung oder massiver Blutung, ausgeschlossen und/oder mittels funktioneller Bildgebung festgestellt werden.
  • Welche Belege zeigen, dass auch Blindsehen gelernt sein will?

    Lösung

    Die Patienten verbessern ihre Leistungen über die Trainingszeit und können auch Unterscheidungen wieder erlernen, die sie zu früheren Trainingszeitpunkten nicht zeigen konnten. Tierexperimentelle Befunde zeigen vergleichbare trainingsbedingte Verbesserungen bei partiell oder vollständig rindenblinden Affen.
  • Welche sind die Haupttheorien der Objekterkennung und wie unterscheiden sich diese Theorien grundsätzlich?

    Lösung

    Es gibt zwei Hauptgruppen von Theorien: die Strukturansätze, die eine 3D-Repräsentation voraussetzen, und die ansichtsbasierten Theorien, die eine 2D-Repräsentation voraussetzten. Die Strukturansätze (Marr u. Nishihara, 1978; Biederman 1987) setzen voraus, dass Objekte als strukturelle Beschreibungen (ähnlich wie 3D-Architekturmodelle) im Gehirn gespeichert sind. Während des Erkennungsprozesses wird das gespeicherte Modell mit dem gesehenen Objekt verglichen. Die ansichtsbasierten Theorien schlagen vor, dass bei der Erkennung eines Objektes das Netzhautbild mit einer Mehrzahl von gespeicherten Ansichten von Objekten verglichen wird. Für beide vorgestellten Ansätze gilt das Objekt als erkannt, wenn es genügend Ähnlichkeit zwischen Objekt und gespeicherter Repräsentation gibt.
  • Welche Daten werden hauptsächlich in psychophysischen Experimenten erhoben?

    Lösung

    In den meisten Fällen wird gemessen wie schnell (Reaktionszeit) und wie korrekt (Fehlerrate) eine Versuchsperson antwortet. Darüber hinaus können auch verhaltensbasierte Daten (z. B. Augenbewegungen) und Gehirnaktivität aufgezeichnet werden.
  • Welche Objektklasse wird in der Forschung häufig untersucht und warum?

    Lösung

    Gesichter sind wegen ihrer sozialen Rolle besonders wichtig für uns. Deshalb können wir auch Gesichter sehr gut unterscheiden, obgleich sie eine viel homogenere Objektklasse darstellen als viele andere Objektklassen (z. B. Stühle).
  • Wie schaffen wir es überhaupt, ein Objekt zu erkennen, da die räumliche Interpretation (3D) der Bildinformation auf unserer Netzhaut (2D) grundsätzlich ein unterbestimmtes Problem ist und nicht eindeutig lösbar ist?

    Lösung

    Durch die Erfahrung von Geburt an erwerben wir Vorwissen über die Welt (z. B. Gesichter sind immer konvex). Mit diesem Vorwissen können wir die mehrdeutige Information aus dem zweidimensionalen Abbild meistens richtig deuten. Wenn nicht genügend Informationsquellen vorhanden sind, können Illusionen auftreten. Zum Beispiel ist eine Gesichtsmaske konkav wenn wir ihre Rückseite betrachten. Trotzdem wird sie nicht als Hohlmaske wahrgenommen da wir fast immer konvexe Gesichter und fast nie konkave Hohlmasken im Laufe des Lebens gesehen haben.
  • Was ist der Unterschied zwischen multimodaler Kombination und multimodaler Integration?

    Lösung

    Bei multimodaler Kombination ergänzen sich die Informationen aus verschiedenen Modalitäten komplementär. Es gibt verschiedene Arten der multimodalen Kombination: Disambiguierung, Kooperation, Hierarchie und Veto. Bei multimodaler Integration hingegen werden redundante Signale aus den verschiedenen Modalitäten zu einem Perzept integriert. Dies bedeutet, dass das Wissen über die Signale in den einzelnen Modalitäten verloren geht und dass bei einem Konflikt zwischen den Signalen ein Kompromiss gefunden werden muss.
  • Welche Eigenschaft der menschlichen Wahrnehmung wird nach MLE bei der multimodalen Integration optimiert?

    Lösung

    Jeder Wahrnehmungsprozess unterliegt stochastischem Rauschen. Wenn zwei oder mehr Signale nach dem MLE-Modell integriert werden, so wird die Präzision optimiert, d. h., das Rauschen in der multimodalen Schätzung ist geringer als das Rauschen in einer Schätzung, die nur auf einem der unimodalen Reize beruht. Eine solche optimale Schätzung wird erzielt, indem die Sinnesmodalitäten nach Ihrer inversen Varianz (Verlässlichkeit) gewichtet werden. Das heißt, um MLE-Integration durchführen zu können, muss der Mensch eine Vorstellung davon haben, wie groß das Rauschen der einzelnen Sinnesreize ist.
  • Wann dominiert in der audiovisuellen Wahrnehmung der Sehsinn und wann das Gehör?

    Lösung

    Tendenziell dominiert der Sehsinn in räumlichen Aufgaben (Visual Capture), während das Gehör in zeitlichen Aufgaben dominiert. Dies liegt daran, dass die räumliche Auflösung unseres Sehsinns unter vielen Bedingungen viel präziser ist als die des Gehörs, während das Gehör in der Regel besser ist, zeitliche Unterscheidungen zu treffen. Damit erhalten diese Reize ein sehr hohes Gewicht. Wenn sich die Situationen aber verschlechtern (z. B. Verneblung eine visuellen Signals oder geringe Intensität eines auditiven Signals) können Dominanzverhältnisse auch umgekehrt werden. Unter diesen Bedingungen ist dann die Präzision des Signals so stark beeinträchtigt, dass sie geringer ist als die des anderen Signals, sodass sich die Gewichtung entsprechend verschiebt.
  • Woher weiß man, ob beim perzeptuellen Lernen auch Veränderungen im Gehirn stattfinden?

    Lösung

    Ein Merkmal dafür, dass beim perzeptuellen Lernen auch neuronale Plastizität wirkt, ist der sog. „negative Nacheffekt“: Wird eine Versuchsperson einer Diskrepanz zwischen zwei Sinnesmodalitäten längere Zeit ausgesetzt, so passt sie ihr Verhalten an diese Diskrepanz an (z. B. Verschiebung des Gesichtsfelds durch Prismen). Wäre dies eine rein kognitive Anpassung, sollte die Versuchsperson keine Probleme mit der Rückkehr zur normalen Bedingung haben. Da sich während diesem perzeptuellen Lernen allerdings auch die neuronalen Schaltkreise ändern (Plastizität), zeigen Versuchspersonen einen negativen Nacheffekt, d. h. sie verhalten sich für eine Weile so, als sei die Diskrepanz noch präsent.
  • Welche Projektionssysteme oder „Pfade” durch die Großhirnrinde wurden von Ungerleider und Mishkin vorgeschlagen, die eine Arbeitsteilung für die kognitive Verarbeitung visueller Information leisten?

    Lösung

    Es wurde ein dorsaler okzipitoparietaler Pfad und ein ventraler okzipitotemporaler Pfad vorgeschlagen. Der dorsale Pfad verarbeitet mehr räumliche und bewegungsabhängige Information, während der ventrale Pfad mehr objektbezogene Merkmale wie Form und Farbe verarbeitet.
  • Was unterscheidet die verschiedenen Kortexareale entlang des ventralen Pfads hinsichtlich ihrer funktionellen Differenzierung?

    Lösung

    Zunehmende Größe der rezeptiven Felder und zunehmende Komplexität der optimalen Reize
  • Auf welche sensorischen Reize antworten Nervenzellen im Inferotemporalkortex bevorzugt?

    Lösung

    Objekte verschiedenster Klassen (belebte und nicht-belebte), Gesichter, Körperteile
  • Was versteht man unter „elaborierten Zellen“ („smart neurons“) und was hat das mit der Theorie zum „Erkennen durch Komponenten“ zu tun?

    Lösung

    Zellen, die ausschließlich durch komplexe sensorische Reize aktiviert werden. Biedermanns Theorie erfordert eine möglichst große Zahl von Formdeskriptoren, die biologisch in Form von elaborierten Zellen implementiert sein könnten.
  • Für welche alternative Codierungsstrategie gibt es physiologische Evidenz?

    Lösung

    In Teile zerlegte Repräsentationen, die hinsichtlich der Zusammengehörigkeit der Komponenten und deren räumliche Anordnung einen zusätzlichen Mechanismus zur Indizierung erfordern, z. B. durch zeitliche korrelierte Signale.
  • Was versteht man unter Translations- und Positionsinvarianz und wieso spielt diese eine Rolle für die Objektkonstanz?

    Lösung

    Antwortselektivität von Neuronen ist weitgehend unabhängig von der genauen Position des Reizes im Gesichtsfeld und sogar innerhalb eines rezeptiven Felds. Objektkonstanz erfordert, dass Neurone im IT-Kortex selektiv auf dasselbe Objekt in verschiedenen Blickwinkeln antworten.
  • Welche Hauptformen und Unterklassifikationen der visuellen Objektagnosie werden im Allgemeinen unterschieden und wie hängen sie zusammen?

    Lösung

    Als eigenständige Kategorien werden Formagnosie, apperzeptive Agnosie, assoziative Agnosie und optische Aphasie unterschieden. Die Formagnosie ist eine besonders schwere Form der apperzeptiven Agnosie. Bei der assoziativen Agnosie gibt es zwei Varianten. Sie kann durch Verlust von semantischem Wissen oder durch Diskonnektion zwischen visueller Perzeption und Semantik bedingt sein. Die Diskonnektionsform der assoziativen Agnosie bietet das gleiche klinische Bild wie die optische Aphasie. Der Unterschied zwischen den beiden Begriffen betrifft nur die theoretische Erklärung der klinischen Phänomene. Sie werden ohne Vorwegnahme der Erklärung auch als „modalitätspezifisch visuelles Fehlbenennen" zusammengefasst.
  • Wo liegen typischerweise die Läsionen beim modalitätsspezifisch visuellen Fehlbenennen?

    Lösung

    Läsionen beim modalitätsspezifisch visuellen Fehlbenennen betreffen den linken Okzipitallappen und das Splenium des Corpus callosum oder den Forceps major, der das Splenium in den Temporal- und Okzipitallappen der linken Hemisphäre fortsetzt.
  • Welche klinischen Symptome werden auf die Unterscheidung von dorsaler und ventraler Route der visuellen Verarbeitung zurückgeführt?

    Lösung

    Bei selektiven Läsionen der ventralen Route können die Patienten Objekte nicht erkennen, aber ihre visuellen Merkmale für die visuomotorische Koordination verwenden. Insbesondere können sie zielsicher und mit angepasstem Griff nach Objekten greifen. Bei Läsionen der dorsalen Route ist das Erkennen der Objekte erhalten, aber die Patienten können nicht zielsicher nach ihnen greifen, wobei vor allem das Greifen in der Peripherie des Gesichtsfeldes betroffen ist.
  • Welchen wichtigen methodischen Unterschied gibt es zwischen der Prüfung des Erkennens von Objekten und von Gesichtern?

    Lösung

    Während bei der Prüfung des Erkennens von Objekten nach der Bezeichnung der Art von Objekt gefragt wird, geht es beim Erkennen von Gesichtern darum, einzelne Exemplare der Gattung „menschliches Gesicht" zu identifizieren.
  • Welche Ergebnisse sprechen dafür, dass die Sonderrolle des Gesichtererkennens durch Erfahrung und Expertise erworben und nicht unbedingt genetisch präformiert ist?

    Lösung

    Bei Experten für andere Klassen von visuellen Entitäten (z. B. Autos, Vögel, Nutztiere) löst die Unterscheidung von Exemplaren dieser Klassen in der funktionellen Bildgebung Aktivierungen in Arealen aus, die bei Personen ohne einschlägige Expertise von menschlichen Gesichtern aktiviert werden. Es gibt auch einzelne Fallberichte von Patienten, die als Folge einer Läsion Exemplare der Gattung, für die sie Expertise hatten (z. B. bei einem Landwirt Kühe) nicht mehr unterscheiden konnten.
  • Was versteht man unter einer Agnosie für Objektorientierungen ?

    Lösung

    Friedrich Best (1917) berichtete als Erster, dass einige Patienten mit Läsionen im Parietalkortex nicht mehr in der Lage waren, die Position von Objekten zum Betrachter hin zu bestimmen. Diese Patienten waren zwar in der Lage dargebotene Reize zu erkennen, konnten jedoch nicht angeben, welche Orientierung (z.B. invertiert) diese Reize hatten.
  • Welche Befunde sprechen für standortunabhängige Interpretationen der Agnosie für Objektorientierungen?

    Lösung

    Best (1917) und Turnbull (1995) folgerten aus der Beobachtung, dass eine Agnosie speziell für Objektorientierungen existiert, dass unser Gehirn offensichtlich Objekte ohne das Wissen über die egozentrische Position des Objektes erkennen kann. Es gebe demnach zwei getrennte Zentren – eines für räumliche Eigenschaften und eines für Objekterkennung.
  • Welcher Befund spricht gegen die Annahme zweier anatomisch streng getrennter Systeme für (a) das Erkennen von Objekten und (b) die Bestimmung ihrer Orientierung?

    Lösung

    Unsere Fähigkeit, die aufrechte Orientierung von Objekten zu bestimmen, scheint bei einer Hirnschädigung weniger stark gestört zu werden als unsere Fähigkeit, nicht aufrechte Orientierungen von Objekten zu erkennen. Patienten mit einer Agnosie für Objektorientierungen zeigen vornehmlich eine Unfähigkeit, die Orientierung nicht aufrechter Objekte zu bestimmen. Das Erkennen der aufrechten Orientierung von Objekten ist deutlich weniger beeinträchtigt.
  • Welcher Erklärungsansatz bietet möglicherweise eine Erklärung für die Beobachtung, dass das Erkennen der aufrechten Orientierung von Objekten deutlich weniger beeinträchtigt ist?

    Lösung

    Perrett et al. (1998) nahm an, dass Objekte durch Neurone repräsentiert werden, die auf bestimmte Ansichten, Orientierungen und Größen von Objekten geprägt wurden, und dass in unserem Gehirn (aufgrund der täglichen Erfahrung) mehr Neurone für aufrecht orientierte als für nicht aufrecht orientierte Objekte existieren. Entsprechend sollte das Wahrnehmungsvermögen für die aufrechte Orientierung von Objekten bei einer Hirnschädigung robuster sein, als die Wahrnehmung nicht aufrechter Objektorientierungen.
  • Was ist charakteristisch für eine auditive Agnosie?

    Lösung

    Laute hören, aber nicht erkennen.
  • Bei welcher Hirnerkrankung treten auditive Agnosien meist auf?

    Lösung

    Bei doppelseitigen Schlaganfällen, die meist zweizeitig entstehen.
  • Welche Hirnregionen sind bei auditiven Agnosien beeinträchtigt?

    Lösung

    Anteile des zentralen Hörsystems und perisylvische Assoziationsareale.
  • Was sollte die Untersuchung einer auditiven Agnosie beinhalten?

    Lösung

    Tonaudiometrie, systematische Testung mit komplexen Geräuschen in Bezug auf Unterscheidung und Erkennung, standardisierter Aphasietest.
  • Welchen Beitrag leisten moderne bildgebende Verfahren in der Erforschung auditiver Agnosien?

    Lösung

    Direkte Untersuchung von Patienten mit Defiziten und/oder wiederhergestellten Funktionen, besseres Verständnis der funktionellen Neuroanatomie für komplexe Hörleistungen beim Menschen.
  • Nennen Sie einige neuronale Grundlagen, die Phantomempfindungen zu Grunde liegen.

    Lösung

    Deafferenzierung/Deefferenzierung im Falle von Phantomen nach peripheren oder spinalen Verletzungen, ungenügende Integration zwischen Somatosensorik, Propriozeption und visueller Wahrnehmung im Falle von Phantomerscheinungen nach (sub)kortikalen Läsionen oder nach experimenteller Induktion.
  • Beweist das seltene Vorkommen von Phantomen bei Fehlen einer Gliedmaße seit Geburt die angeborene Natur des Körperschemas? Begründen Sie Ihre Antwort ausführlich.

    Lösung

    Nein. Solche Phantome könnten im Falle unilateralen Fehlens einer Gliedmaße auf ipsilaterale Repräsentationen der vorhandenen Extremität zurückgeführt werden. Im Falle bilateraler Gliedmaßenaplasie könnte die dauernde Beobachtung der Bewegungen anderer Leute zu einer Bewegungsempfindung führen („Spiegelneurone“). Schließlich könnte bei allfälligem Tragen einer Prothese eine „Einverleibung“ der künstlichen Gliedmaße die Quelle für Phantomempfindungen bilden.
  • Welches ist das Zwischenglied zwischen Phantomen einzelner Extremitäten und den „Ganzkörperphantomen“ im heautoskopischen Erleben?

    Lösung

    Das Halbseitenphantom in der Hemiplegie vereint die Deafferenzierung, die zum Phantomglied führt, und die Personifikation, welche charakteristisch ist für das Erleben des eigenen Doppelgängers.
  • Wie müssen wir uns das Zustandekommen einer außerkörperlichen Erfahrung vorstellen?

    Lösung

    Körper und Selbst werden aufgrund einer fehlerhaften Integration von Tastempfindung, Lageempfindung und Visualisierung des Körpers als räumlich getrennt empfunden.
  • Welche (nach einer Hirnschädigung auftretende) Fehlwahrnehmung bezeichnet man als „Anosognosie“?

    Lösung

    Patienten mit einer Anosognosie sind nicht in der Lage eine offensichtlich bestehende Halbseitenlähmung, kortikale Blindheit, Hemianopsie oder Taubheit zu erkennen. Sie verhalten sich so, als wüssten sie nichts von ihrer Beeinträchtigung.
  • Patienten mit einer Anosognosie der Hemiparese/-plegie haben einen »disturbed sense of agency«. Was versteht man darunter?

    Lösung

    Patienten mit einer Anosognosie der Hemiparese/-plegie sind überzeugt, die gelähmte Seite ganz normal – so wie die gesunde Seite – zu bewegen (»disturbed sense of agency«). Die Konfrontation mit Tatsachen, die den Patienten eindeutig beweisen, dass bei ihnen eine Lähmung eingetreten und daher keine Bewegung möglich ist, führt nicht zu einem Erkennen der Behinderung.
  • Patienten mit einer Anosognosie der Hemiparese/-plegie haben einen »disturbed sense of ownership«. Was versteht man darunter?

    Lösung

    Patienten mit einer Anosognosie der Hemiparese/-plegie haben eine gestörte Wahrnehmung der Zugehörigkeit der betroffenen Extremität zum eigenen Körper (»disturbed sense of ownership«). Sie sind überzeugt, dass die betroffene Extremität nicht zu ihnen gehört. Häufig wird die eigene Extremität sogar einer konkreten anderen Person (Untersucher, Lebenspartner etc.) zugeordnet.
  • Schädigungen welchen Areals in welcher Hemisphäre rufen typischerweise eine Anosognosie der Hemiparese/-plegie, also einen »disturbed sense of agency« und einen »disturbed sense of ownership« hervor?

    Lösung

    Die Anosognosie für Hemiparese/-plegie tritt typischerweise mit ausgedehnten Infarkten der rechten Hemisphäre auf. Das entscheidende Areal scheint dabei die rechte Inselregion zu sein. Selbst kleine, auf diese Struktur begrenzte Infarkte können die Symptomatik hervorrufen.
  • Welche Informationen für die Raumkognition vermittelt die visuelle Sinnesmodalität?

    Lösung

    Visuelle Informationen gehen an mindestens zwei Stellen in die Raumkognition ein: Eigenbewegungsinformation aus dem optischen Fluss und visuelle Hinweise (Schnappschüsse, Landmarken) für die Ortserkennung. Darüber hinaus könnten gesehene Tiefe (aus Stereopsis, Bewegungsparallaxe etc.) und visuelle Kompassinformation (Sonnenstand) eine Rolle spielen.
  • Was sind die wichtigsten experimentellen Paradigmen für die Untersuchung von Wegintegration und Ortserkennung?

    Lösung

    Standardprozedur für die Untersuchung der Wegintegration beim Menschen ist die Dreiecksvervollständigung. Für die Orterkennung wurde bei Nagern das Morris Water Maze entwickelt, von dem es inzwischen viele für Humanstudien geeignete Varianten in virtueller Realität gibt.
  • Was ist eine Landmarke?

    Lösung

    Eine Landmarke ist ein sensorisches Muster, das einem bestimmten Ort oder einem Abschnitt einer Route zugeordnet werden kann und im Gedächtnis gespeichert wird. Landmarken unterscheiden sich in der Nutzung (Zielführung, Wegweisung), der durch Vorverarbeitung erreichten Invarianz gegen Blickrichtung oder Veränderungen der Umwelt, und der Relevanz für Navigationsentscheidungen.
  • Wie kann man untersuchen, ob und in welchem Umfang das Ortsgedächtnis metrische Information enthält?

    Lösung

    Antwort: Beim Vorliegen einer metrischen Karte müssten Versuchspersonen in der Lage sein, Richtungen zwischen bekannten Punkten auch über unbekanntes Gebiet anzugeben und entsprechende Abkürzungen zu finden. Distanzschätzungen zwischen zwei Punkten sollten symmetrisch sein; in Gruppen von drei Punkten sollten sie der Dreiecksungleichung genügen.
  • Worin bestand Ferriers Fehler?

    Lösung

    Ferrier nahm fälschlicherweise aufgrund seiner Beobachtungen der Effekte elektrischer Stimulation an, dass der parietale Kortex Sitz des Sehens wäre.
  • Der posteriore parietale Kortex enthält anatomisch distinkte Repräsentationen visuomotorischer Leistungen. Nennen Sie einige und ihre Substrate.

    Lösung

    Area MST → langsame Augenfolgenbewegungen; Area LIP, Area MP → Sakkaden; Area MIP („parietal reach area“) → zielgerichtete Handbewegungen; Area AIP→ Griffformation.
  • Was versteht man unter einem „gain field“?

    Lösung

    Die Modulation einer neuronalen Antwort auf einen primären Reiz durch eine weitere Variable. Beispiel: die Modulation der visuellen Antwort durch die Augenposition.
  • Was sind „Spiegelneurone“?

    Lösung

    Neurone (u. a. in der prämotorischen Area F5), die gleichermaßen entladen, wenn das Subjekt eine bestimmte Bewegung ausführt und wenn das Subjekt sieht, dass ein anderer dieselbe Bewegung ausführt.
  • Was versteht man unter der Bezeichnung „subjektive Hauptraumachsen“?

    Lösung

    Subjektive visuelle Vertikale und subjektive visuelle Horizontale.
  • Welcher Art ist die Verschiebung der subjektiven Mitte in der Linienhalbierung bzw. des subjektiven Geradeausempfindens bei Patienten mit visuellem Neglect im Vergleich zu Patienten mit homonymer Hemianopsie?

    Lösung

    Bei Hemianopsie sehen wir eine kontraläsionale Verschiebung in Richtung des blinden Halbfeldes, bei Neglect eine ipsiläsionale Verschiebung in Richtung der geschädigten Hirnhälfte und weg vom vernachlässigten Halbraum.
  • Nennen Sie zwei Beispiele für räumlich-kognitive Störungen.

    Lösung

    Störungen der mentalen Rotation, Störungen im Perspektivenwechsel
  • Welche zwei Defizite finden sich in Aufgaben zur visuellen Positionsschätzung nach parietalen Hirnläsionen?

    Lösung

    Ein Genauigkeitsverlust, der eine ungenauere Codierung der Positionen andeutet, sowie eine systematische Verschiebung der reproduzierten Positionen in eine bestimmte Richtung, welche meist mit einer Verschiebung der subjektiven Mitte infolge Hemianopsie oder Neglect einhergeht.
  • Wie verhält es sich mit der Einsicht in räumliche Störungen bei Patienten mit Hirnschädigung? Skizzieren Sie ein Erklärungsmodell.

    Lösung

    Die Einsicht (= Awareness) für die einzelnen räumlichen Störungen ist nach Hirnschädigung (oft nach parietalen Läsionen) gering ausgeprägt oder gar nicht vorhanden. Dies könnte dem Modell von David Milner zufolge möglicherweise darauf zurückzuführen sein, dass die Funktionen des dorsalen Pfads, zu denen die räumlichen Leistungen zählen, auch beim gesunden Menschen kaum der Introspektion zugänglich sind und daher auch im Falle einer Hirnschädigung von den betroffenen Patienten kaum bemerkt werden.
  • Anhand welcher Richtungsparameter kann das auditive System die Position einer Schallquelle in der Horizontal- und Vertikalebene bestimmen?

    Lösung

    Interaurale Pegeldifferenzen und interaurale Zeitdifferenzen werden hauptsächlich zur Bestimmung der horizontalen Position genutzt, während monaurale spektrale Richtungsparameter für die Ermittlung der vertikalen Position und die Vorn-hinten-Unterscheidung wesentlich sind.
  • Wie genau können Menschen die Positionen von Schallquellen lokalisieren und gibt es hierbei Unterschiede zwischen Horizontal- und Vertikalebene?

    Lösung

    Die Auflösungsgrenze in der Horizontalebene liegt bei 1–3°. In der Vertikalen ist die Lokalisationsgenauigkeit mit 4–9° wesentlich schlechter.
  • Worin bestehen die besonderen Schwierigkeiten, wenn Töne oder schmalbandige Signale zu orten sind, und welche Unterschiede gibt es hierbei hinsichtlich des Frequenzbereichs?

    Lösung

    Aufgrund fehlender monauraler spektraler Richtungsparameter ist die Höhenposition generell nur schwer einzuschätzen und es können Vorn-hinten-Verwechslungen auftreten. Bei tiefen Tönen sind interaurale Pegeldifferenzen sehr gering, sodass das Gehör für die Lokalisation in der Horizontalebene ausschließlich auf interaurale Zeitdifferenzen angewiesen ist. Bei hohen Tönen (oberhalb etwa 1,5 kHz) können die interauralen Phasenlaufzeiten nicht mehr aufgelöst werden, sodass die Lokalisation vornehmlich mittels interauraler Pegeldifferenzen und Hüllkurven-Zeitdifferenzen erfolgt.
  • Warum sind Augenbewegungen für die Verarbeitung räumlicher Hörinformation wichtig und welche Gehirnstruktur ist in dieser Hinsicht von besonderer Bedeutung?

    Lösung

    Bei Augenbewegungen muss eine stabile Übereinstimmung der (auf den Kopf bezogenen) auditiven Raumkoordinaten mit den (auf die Retina bezogenen) visuellen Koordinaten gewährleistet bleiben, damit visuelle und auditive Reize einander zugeordnet werden können. Dies geschieht durch neurale Koordinatentransformationen. Insbesondere in den tiefen Schichten des Colliculus superior werden die ursprünglich auf den Kopf bezogenen auditiven Raumkoordinaten in ein auf die Retina bezogenes Koordinatensystem transformiert. Dieses deckt sich weitgehend mit der Repräsentation des visuellen Raumes in den oberen Schichten des Colliculus superior.
  • Welche Areale im Kortex sind für die auditive Lokalisation von besonderer Bedeutung?

    Lösung

    Generell ist die rechte Hemisphäre für auditiv-räumliche Funktionen dominant. Bildgebende Verfahren zeigen bei der Lokalisation von Schallquellen vor allem Aktivierungen des posterioren oberen Temporallappens (Gyrus temporalis superior), des posterioren Parietalkortex (inferiorer parietaler Lobulus) und des oberen präfrontalen Korte (Sulcus frontalis superior).
  • Gibt es einen primären vestibulären Kortex beim Menschen?

    Lösung

    Beim Menschen konnte eine multisensorische vestibuläre Region in der hinteren Insel (parietoinsulärer vestibulärer Kortex) identifiziert werden. Die Neurone dieses Areals sind mit verschiedenen anderen vestibulären Kortexarealen und den Vestibularis-Kernen im Hirnstamm verbunden und bilden ein multisensorisches Netzwerk. Das heißt, dass diese Kortexareale nicht nur auf vestibuläre Reize reagieren, sondern auch auf visuelle und somatosensorische Stimulation.
  • Welche Hirnareale sind für die Wahrnehmung und Speicherung von Informationen des Raums verantwortlich?

    Lösung

    Daran sind verschiedene Hirnregionen beteiligt, von denen Neuronen in der Hippocampusformation eine besondere Bedeutung zukommt (sog. kognitive Karten oder Raumkarten).
  • Wie wird Bewegung im Raum beim Menschen wahrgenommen?

    Lösung

    Das vestibuläre System detektiert lineare und rotatorische Kopfbeschleunigungen. Es ist jedoch nicht in der Lage, Eigenbewegung bei konstanter Geschwindigkeit wahrzunehmen; hierfür werden zusätzliche visuelle Informationen der relativen Umweltbewegung benötigt. Dies lässt eine enge Zusammenarbeit zwischen dem visuellen und dem vestibulären System erkennen.
  • Was bedeutet „room tilt illusion“?

    Lösung

    Gelegentlich geben Patienten plötzlich für Sekunden ein Verkippen des Raumes zur Seite oder ein Auf-dem-Kopf-Stehen des Raumes (Verkippung um 180° an). Hierbei handelt es sich um Zeichen einer Funktionsstörung oder Reizung des vestibulären Systems im Sinne einer Desorientierung im Raum. Beide Systeme – das visuelle und das vestibuläre – liefern uns dreidimensionale Koordinaten von Strukturen zur Orientierung im Raum. Diese beiden Informationen müssen im Großhirn integriert werden, um zu einer einheitlichen vertikalen Wahrnehmung zu gelangen. Diese Illusionen („room tilt illusion“) der Raumkippung entsprechen passageren Fehlversuchen beim Übereinanderlagern der visuellen und der vestibulären Raumkoordinaten.
  • Was sind die auffälligen Verhaltensmerkmale von Patienten mit Pusher-Syndrom?

    Lösung

    Nach einem Schlaganfall drücken sich Patienten mit Pusher-Syndrom im Sitzen oder Stehen mit den nichtgelähmten Extremitäten mit aller Kraft zur gelähmten Seite. Dabei geraten sie in eine so schräge Lage, dass sie ohne Unterstützung zur hemiparetischen Seite fallen würden. Dem Versuch des Untersuchers, die schräge Körperlage zu korrigieren wird starker Widerstand entgegengebracht.
  • Welcher Störungsmechanismus liegt dem Pusher-Syndrom zugrunde?

    Lösung

    Das Pusher-Syndrom beruht auf einer (nach Hirnschädigung auftretenden) fehlerhaften Wahrnehmung der eigenen Körperorientierung im Raum (einer fehlerhaften Wahrnehmung der „subjektiven posturalen Vertikalen (SPV)“). Mit geschlossenen Augen empfinden Pusher-Patienten ¬ihren Körper als »aufrecht« orientiert, wenn er objektiv um ca. 20° zur nichtgelähmten Seite gekippt ist.
  • Sind Patienten generell nicht mehr in der Lage, die Orientierung von Objekten einzuschätzen?

    Lösung

    Patienten mit Pusher-Syndrom sind nicht generell unfähig die Orientierung von Objekten einzuschätzen, auch wenn bei ihnen eine gestörte Wahrnehmung der eigenen Körperorientierung in Relation zur Gravitation zugrunde liegt. Die Wahrnehmung der „subjektiven visuellen Vertikalen“ (SVV) ist ungestört. So können die Patienten die Orientierung von Objekten in Bezug zu ihrem eigenen Körper oder die Orientierung ihres eigenen Körpers zu Objekten der Umgebung (z.B. Tür, Kanten, etc.) korrekt einschätzen. Der visuell-vestibuläre Apparat ist folglich beim Pusher-Syndrom intakt.
  • Welche typischen Schädigungslokalisationen sind mit dem Pusher-Syndrom assoziiert?

    Lösung

    Das Pusher-Syndrom wird typischerweise durch Läsionen des linken oder des rechten posterioren Thalamus verursacht .
  • Was sind die Kernsymptome der Neglect-Symtomatik und in welchen Bereichen können sie sich manifestieren?

    Lösung

    Neglect ist eine Störung, bei der die Augen und der Kopf der Kranken deutlich zur Seite der Hirnschädigung (d. h. fast immer zur rechten Seite) abweichen. Personen, Gegenstände etc. werden dementsprechend nicht beachtet, wenn diese sich auf der gegenüberliegenden, linken Seite befinden. Es handelt sich um eine supramodale Störung, die sich im visuellen, senso¬rischen, auditiven und motorischen Bereich manifestieren kann.
  • Handelt es sich beim Neglect um ein Defizit, das sich erst dann auswirkt, wenn die Patienten aktiv handeln?

    Lösung

    Nein, beim Neglect handelt es sich um eine basale Störung der Raumwahrnehmung. Patienten zeigen auch in Ruhesituationen, in denen keine kognitive Aufgabe gefordert wird, konstant eine Abweichung der Kopf- und Augenorientierung zur ipsiläsionalen (d. h. fast immer zur rechten) Seite.
  • Wie lässt sich ein Neglect kompensieren?

    Lösung

    Ein Neglect lässt sich durch die Darbietung von Hinweisreizen (d.h. durch „bottom-up“ Prozesse) kurzzeitig (mehr oder weniger stark) kompensieren. Ebenso führt die Manipulation der an der Implementierung der Raumrepräsentationen beteiligten Informationskanäle zu Verbesserungen der die Neglect-Symptomatik (z.B. vestibuläre Stimulation; optokinetische Stimulation; propriozeptive Stimulation der Halsmuskulatur durch Vibration).
  • Durch welche kortikalen Hirnschädigungen wird ein Neglect typischerweise hervorgerufen?

    Lösung

    Patienten mit einem Neglect zeigen am häufigsten Läsionen des rechten oberen und mittleren temporalen Kortex sowie der rechten Inselregion. Weniger häufig mit Neglect assoziiert sind Schädigungen des inferioren parietalen Lobulus sowie des ventrolateralen präfrontalen Kortex.
  • Welche Symptome gehören zum Bálint-Holmes-Syndrom?

    Lösung

    • Simultanagnosie: Patienten sind unfähig, mehr als ein Objekt gleichzeitig wahrzunehmen.
    • Optische Ataxie: Bewegungen, die der visuellen Kontrolle unterworfen sind, misslingen.
    • Blickbewegungsstörungen.
    • Schwere Störung der räumlichen Orientierung.• Simultanagnosie: Patienten sind unfähig, mehr als ein Objekt gleichzeitig wahrzunehmen.
    • Optische Ataxie: Bewegungen, die der visuellen Kontrolle unterworfen sind, misslingen.
    • Blickbewegungsstörungen.
    • Schwere Störung der räumlichen Orientierung.
  • Welcher Aspekt verbindet die verschiedenen Symptome des Bálint-Holmes-Syndrom miteinander?

    Lösung

    Den vier Störungssymptomen des Bálint-Holmes-Syndroms ist gemeinsam, dass es sich um Störungen handelt, die vornehmlich die visuelle Modalität betreffen. Es wird vermutet, dass ein wichtiger, die vier Komponenten des Bálint-Holmes-Syndroms verbindender Aspekt eine Störung der multimodalen Integration von Information ist, die der Orientierung und dem Handeln im Raum dient.
  • Welche Läsionen sind mit dem Auftreten einer Simultanagnosie assoziiert?

    Lösung

    Ursache der Simultanagnosie sind ischämische oder degenerative Schädigungen v.a. des inferioren Parietalkortex (zumeist beider Hemisphären). Diese Hirnregion scheint entscheidend für unsere Fähigkeit zu sein, die Gesamtgestalt einer sich aus mehreren Objekten zusammensetzenden visuellen Szene zu erfassen.
  • Was spricht gegen die Hypothese einer eingeschränkten Kapazität der visuellen Kurzzeitgedächtnisspeicherung als Erklärung der Simultanagnosie?

    Lösung

    Bei einer Erhöhung der Stimulusanzahl und einer somit verstärkten Belastung des visuellen Kurzzeitgedächtnisspeichers kommt es entgegen der Annahme zu einer Verbesserung im Erkennen der globalen Gestalt der gezeigten Reize. Es zeigte sich auch, dass die zeitliche Integration visueller Information zur Wahrnehmung von Bewegung bei Simultanagnosie nicht generell gestört ist.
  • Von welchen Verarbeitungsstufen gehen Theorien der visuellen Selektion wie die Merkmalsintegration, gesteuerte Suche und Dimensionsgewichtung aus?

    Lösung

    Die Theorien gehen von einer zweistufigen Verarbeitung aus. Nach der Merkmalsintegrationstheorie werden auf einer ersten, automatischen Stufe Objektmerkmale wie Farbe, Bewegung, Größe und Orientierung in mehreren topografisch organisierten Repräsentation codiert. Aufmerksamkeit ist notwendig, um getrennt repräsentierte Merkmale in kohärente Objektrepräsentationen zu integrieren. Gemäß gesteuerter Suche und Dimensionsgewichtung werden auf Basis der Merkmalsrepräsentation dimensionsbasierte Salienzsignale generiert. Die Salienz codiert die Auffälligkeit von Bereichen oder Objekten in einer visuellen Szene und steuert den Fokus der Aufmerksamkeit an den auffälligsten Ort.
  • Welche beiden Hauptmechanismen der Informationsselektion wurden mithilfe der Methode der visuellen Suche identifiziert?

    Lösung

    Merkmalssuche und Konjunktionssuche. In einer Merkmalssuche unterscheidet sich ein gesuchtes Zielobjekt durch ein einziges Merkmal von allen anderen Objekten (Distraktoren) in einer visuellen Szene. Das einzigartige Merkmal scheint dem Betrachter ins Auge zu springen (Pop-out-Phänomen). Die Zeit zwischen Beginn der Suche und der Entdeckung des Zielreizes (Suchreaktionszeit) ist unabhängig von der Anzahl der Distraktoren. In einer Konjunktionssuche unterscheidet sich ein einzigartiges Zielobjekt durch eine Kombination von zwei Merkmalen und die Entscheidung beinhaltet den Vergleich beider Merkmale auf ihre Übereinstimmung mit der Definition des Zielobjekts. Die Suchreaktionszeit nimmt mit zunehmender Anzahl Distraktoren zu.
  • Welches sind die zentralen Annahmen der Hypothese der integrierten Kompetition?

    Lösung

    Objekte konkurrieren um Aufmerksamkeit. 1. Verarbeitung in verteilten visuellen Gehirnsystemen erfolgt in kompetitiver Weise. Erhöhte neuronale Reaktion auf ein Objekt impliziert reduzierte Rektionen auf andere Objekte einher. 2. Verhaltensrelevanten Objekte wird durch Präaktivation ein Kompetitionsvorteil verschafft, indem entsprechende Neurone gebahnt werden. 3. Kompetition erfolgt in integrierter Weise zwischen Gehirnsystemen. Dominiert ein Objekt in einem Teil des Netzwerks, so tendiert es dazu, auch in anderen Teilen zu dominieren, bis das Gesamtnetzwerk vom selben Objekt dominiert wird.
  • Welche Limitationen der selektiven visuellen Aufmerksamkeit wurden beschrieben und wie werden sie erklärt?

    Lösung

    Unaufmerksamkeitsblindheit („inattentional blindness“): Selektive Aufmerksamkeit ist (z. B. in einer Diskriminationsaufgabe) auf ein relevantes Objekt ausgerichtet, andere Objekte können nur von den Mechanismen verarbeitet werden, die keine limitierten attentionalen Ressources benötigen. Veränderungsblindheit („change blindness“): Auffällige Veränderungen eines Objekts oder Objektmerkmals werden übersehen, wenn fokale Aufmerksamkeit nicht auf das sich verändernde Merkmal des Objekts ausgerichtet ist. Aufmerksamkeitsblinzeln („attentinal blink“): Ein transientes Defizit der zeitlichen selektiven visuellen Aufmerksamkeit bei sequenziell dargebotenen visuellen Stimuli. Interpretationen der Phänomene gehen davon aus, dass Veränderungen in der visuellen Umwelt nur wahrgenommen werden, wenn ihnen Aufmerksamkeit zugewiesen wird, wobei sich die Aufmerksamkeitszuweisung auf Prozesse der Wahrnehmung oder des Gedächtnisses beziehen können.
  • Beschreiben Sie den Unterschied zwischen Vigilanz und Aufmerksamkeit.

    Lösung

    Vigilanz beschreibt den Grad des allgemeinen „Wachheitszustandes“ eines Organismus und ist damit auch ein Maß, in welchem Umfang das Nervensystem momentan sensorische Informationen verarbeiten kann. Aufmerksamkeit ist ein selektiver Prozess, in dem neuronale Verarbeitungsressourcen für spezifische Anteile der eintreffenden Informationen zur Verfügung gestellt werden.
  • Beschreiben Sie, in wie weit die Ausrichtung von räumlicher Aufmerksamkeit auf einen visuellen Reiz ähnliche Effekte auf die Reaktion einer typischen Nervenzelle im visuellen Kortex hat wie die Erhöhung des Kontrasts oder der Helligkeit des Reizes.

    Lösung

    Die Ausrichtung von räumlicher Aufmerksamkeit auf einen visuellen Reiz führt typischerweise zu einer erhöhten Reaktion von Nervenzellen im visuellen Kortex. Die Erhöhung der Reizstärke, z. B. durch Verstärkung des Kontrastes, führt ebenfalls typischerweise zu einer erhöhten Reaktion der Nervenzellen.
  • Neben räumlicher Aufmerksamkeit sind zwei weitere Formen visueller Aufmerksamkeit beschrieben. Nennen Sie diese und erläutern Sie sie kurz.

    Lösung

    Visuelle Aufmerksamkeit kann nicht nur auf einen bestimmten Bereich des Sehfeldes gerichtet werden (räumliche Aufmerksamkeit), sondern auch auf spezifische visuelle Parameter, wie z. B. bei der Suche nach der Farbe Rot oder eine Aufwärtsbewegung in komplexen Szenen (eigenschaftsbasierte oder eigenschaftsabhängige Aufmerksamkeit). Wenn sich Aufmerksamkeit auf die Summe der Eigenschaften eines komplexen visuellen Stimulus richtet, spricht man von objektbasierter Aufmerksamkeit.
  • Welchen methodologischen Nachteil haben bildgebende Verfahren wie fMRT, PET, MEG und EEG gegenüber elektrophysiologischen Messungen mittels Mikroelektroden?

    Lösung

    Die bildgebenden Verfahren sind gut geeignet, großflächige Aktivierungsmuster der Großhirnrinde zu erfassen. Ihre räumliche Auflösung ist aber zu gering, um die Aktivität einzelner Nervenzellen in der Großhirnrinde von der Aktivität ihrer Nachbarzellen unterscheiden zu können. Dazu bedarf es der Messung mit Mikroelektroden, deren Spitze dafür in der Nähe (extrazelluläre Ableitung) oder sogar im Inneren der Nervenzelle (intrazelluläre Ableitung) platziert werden muss.
  • Aufgrund welcher Kriterien kann selektive Aufmerksamkeit die verhaltensrelevanten Aspekte unserer visuellen Umwelt lenken? Wie wurden die neuronalen Grundlagen dieser verschiedenen Formen der Aufmerksamkeit experimentell nachgewiesen?

    Lösung

    Selektive Aufmerksamkeit kann auf (1) Orte im visuellen Feld, (2) Eigenschaften eines Objektes oder (3) ganze Objekte gelenkt werden. Räumlich bezogene Aufmerksamkeit wurde in fMRT-Experimenten nachgewiesen, in denen Versuchspersonen in beiden visuellen Halbfeldern Schachbrettmuster gezeigt wurden. Neuronale Antworten im CGL, striären Kortex und in allen untersuchten Arealen entlang der Dorsal- und Ventralbahnen nahmen zu, wenn den Schachbrettmustern Aufmerksamkeit zugewandt wurde. Eigenschaftsbezogene Aufmerksamkeit wurde in Experimenten untersucht, in denen Versuchspersonen die Aufgabe hatten, ihre Aufmerksamkeit auf eine Eigenschaft eines Objektes, das zahlreiche verschiedene Eigenschaften besaß, zu richten. Neuronale Aktivität stieg jeweils in der Gehirnregion an, die für die Bearbeitung der beachteten Eigenschaft spezialisiert ist. Objektbezogene Aufmerksamkeit wurde in einem Experiment nachgewiesen, in dem Reize aus übereinandergelegten transparenten Bildern von Häusern und Gesichtern bestanden, von denen sich jeweils eines bewegte. Versuchspersonen wurden dazu angeleitet, entweder das Haus, das Gesicht oder die Bewegung zu beobachten. Die Selektion ganzer Objekte wurde darin deutlich, dass die neuronale Aktivität sowohl in Gehirnregionen, die den beachteten Aspekt eines Objektes verarbeitete, als auch in Gehirnregionen, die den unbeachteten Aspekt eines Objektes verarbeitete, anstieg.
  • Was sind die neuronalen Mechanismen, durch die selektive Aufmerksamkeit neuronale Verarbeitung zugunsten beachteter Reize beeinflussen kann?

    Lösung

    Selektive Aufmerksamkeit beeinflusst die neuronale Verarbeitung zugunsten beachteter Reize durch (1) die Erhöhung neuronaler Antworten auf beachtete Reize, (2) die Inhibierung neuronaler Antworten auf unbeachtete Reize und (3) durch die Steigerung von Hintergrundaktivität in der Erwartung von Zielreizen.
  • Wie drückt sich der Wettbewerb um begrenzte Verarbeitungsressourcen auf neuronaler Ebene aus? Beschreiben Sie die Experimente, die zu dieser Erkenntnis im menschlichen Gehirn führten. Was waren die entscheidenden Überlegungen bei der Gestaltung der simultanen und sequenziellen Darbietungsbedingungen?

    Lösung

    Der unter gleichzeitig präsenten Reizen vorherrschende Wettbewerb um neuronale Ressourcen wird deutlich in der gegenseitigen Inhibierung der von den Reizen evozierten neuronalen Antworten. Dieser neuronale Wettbewerb findet dabei auf der Ebene des rezeptiven Feldes statt, sodass die Supprimierung in höher liegenden visuellen Arealen mit größeren rezeptiven Feldern am stärksten ausgeprägt ist. Dieser Effekt wurde in einer Reihe von Experimenten untersucht, bei denen Versuchspersonen im peripheren Gesichtsfeld entweder vier Reize gleichzeitig (simultane Bedingung) oder nacheinander (sequenzielle Bedingung) dargeboten wurden. Dabei rief die simultane Bedingung in den Arealen V1, V2/VP, V4, TEO, V3A und MT schwächere neuronale Antworten als die sequenzielle Bedingung hervor. Dieser Supprimierungseffekt war in V1 am geringsten ausgeprägt und nahm in den höher gelegenen visuellen Arealen der Dorsal- und Ventralbahnen zu. Das entscheidende Kriterium bei der Gestaltung der beiden Bedingungen war, dass die physische Stimulierung in den zwei Bedingungen über den Verlauf eines Trials identisch war. Das heißt, dass Unterschiede in den durch die beiden Bedingungen hevorgerufenen neuronalen Antworten alleine auf den Zeitverlauf der Darbietung und der Anwesenheit von konkurrierenden Reizen in der einen aber nicht der anderen Bedingung zurückgeführt werden können.
  • Welche Faktoren können den Wettbewerb um neuronale Ressourcen beeinflussen? Wo haben die einhergehenden neuronalen Signale jeweils ihren Ursprung?

    Lösung

    Wettbewerb um neuronale Ressourcen kann sowohl durch Bottom-up- als auch durch Top-down-Faktoren beeinflusst werden. Während Top-down-Einflüsse ihren Ursprung vermutlich im frontoparietalen Kortex haben, können Bottom-up-Signale schon in frühen visuellen Arealen wie V1 entstehen.
  • Was ist Extinktion?

    Lösung

    Extinktion ist eine mögliche Folge einer einseitigen Hirnschädigung. Patienten, die unter visueller Extinktion leiden, sind in der Lage, einzelne Reize, die auf der rechten oder der linken Seite dargeboten werden, normal wahrzunehmen und zu berichten. Wenn ihnen allerdings zwei konkurrierende Reize präsentiert werden, können sie denjenigen Stimulus nicht berichten, der näher zur Gegenseite der Läsion, also kontraläsional, lokalisiert ist.
  • Was sind die zwei am häufigsten angewendeten Erklärungsmodelle von Extinktion?

    Lösung

    Extinktion wird am häufigsten gesehen entweder als eine Folge einer Störung der Lösung der Aufmerksamkeit vom ipsiläsionalen Fokus oder als eine Folge konkurrierender Interaktionen zwischen ipsi- und kontraläsionalen Reizen um den Zugang zu begrenzten Aufmerksamkeitskapazitäten, wobei die unilaterale Hirnschädigung diesen Wettlauf zugunsten des ipsiläsionalen Reizes beeinflusst.
  • Welche Bedeutung hat der Befund, dass Extinktion reduziert wird, wenn beide konkurrierenden Reize zu einer einzigen perzeptuellen oder funktionellen Gruppe verbunden werden können?

    Lösung

    Dieser Befund sagt uns erstens, dass Gruppierungsprozesse, die eine visuelle Szene in gemeinsame und getrennte perzeptuelle und funktionelle Gruppen unterteilen, in Extinktionspatienten erhalten sind, und zweitens, dass Extinktion nicht zwischen unterschiedlich stimulierten Regionen auf der Retina auftritt, sondern zwischen Repräsentationen getrennter Objekte stattfindet, was gut mit objektbezogenen Modellen normaler Aufmerksamkeitsprozesse übereinstimmt.
  • Wie kann man herausfinden, ob bei Extinktionspatienten eine unbewusste Informationsverarbeitung von kontraläsionalen Reizen stattfindet?

    Lösung

    In Verhaltensstudien kann man prüfen, ob Informationen, die auf der kontraläsionalen Seite dargeboten werden, Einfluss nehmen können auf die Antworten, die auf zentral oder auf der ipsiläsionalen Seite dargebotene Reize gegeben werden. Dies ist nur möglich, wenn die Informationen auf der kontraläsionalen Seite unbewusst verarbeitet werden.
  • Warum würde man erwarten, dass Extinktionspatienten ein stärkeres Defizit in Konjunktionsaufgaben als in Merkmalsaufgaben aufweisen?

    Lösung

    Die Merkmalsintegrationstheorie postuliert, dass einfache visuelle Merkmale über das gesamte visuelle Feld auf einmal erfasst werden können und keiner fokalen Aufmerksamkeit bedürfen. Im Gegensatz dazu postuliert diese Theorie, dass in Konjunktionsaufgaben die Codierung einer bestimmten Kombination von Merkmalen, die ein Objekt ausmachen, die Zuwendung fokaler Aufmerksamkeit zu jedem einzelnen dieser Objekte erfordert. Dementsprechend sollten Patienten mit einer Störung der selektiven Aufmerksamkeit besonders dann ein Defizit aufweisen, wenn die Aufgabe diese Codierung der Kombination der Merkmale erfordert.
  • Was ist das Problem der Freiheitsgrade?

    Lösung

    Ein gegebenes Bewegungsziel kann durch eine Unzahl von Konfiguration des Armes bzw. anderer Effektoren unseres Körpers erreicht werden, Folge einer Vielzahl beteiligter Gelenke und Bewegungsmöglichkeiten in diesen Gelenken. Wie wird aus dieser großen Zahl von Möglichkeiten nun eine bestimmte selektiert? – Das ist das Problem der Freiheitsgrade.  
  • Was versteht man unter dem Problem der inversen Dynamik?

    Lösung

    Das Problem, die Drehmomente zu ermitteln, die nötig sind, die beteiligten Gelenke so zu bewegen, dass sie eine gewünschte Bewegung zu ermöglichen. 
  • Was ist das Listing’sche Gesetz?

    Lösung

    Es handelt sich um ein spezifisches Prinzip der Reduktion der Freiheitsgrade. Im Falle von Augenbewegungen legt es die Verrollung des Augapfels für eine gegebene Auslegung fest. Durch die Festlegung wird der Kontrollaufwand reduziert und ein stabiler Seheindruck gefördert.
  • Welche Rolle spielt die Kostenminimierung in der Bewegungsplanung?

    Lösung

    Aus der Vielzahl möglicher Bewegungsbahnen, mit denen etwa eine Hand auf ein Zielobjekt zugeführt wird, wird die ausgewählt, die einem Kostenminimierungsprinzip genügt. Beispiele solcher Prinzipien sind etwa das Ziel maximaler Glattheit der Bewegung (bzw. die Minimierung der Abweichungen von Glattheit) oder das einer Minimierung der energetischen Kosten. 
  • Was versteht man unter „automatischen“ und „kontrollierten“ Prozessen bei der Handlungssteuerung?

    Lösung

    Automatische Prozesse beschreiben die direkte Aktivierung von Bewegungen durch wahrgenommene Informationen (z. B. Greifbewegungen: Einstellen der Handöffnung entsprechend der Objektgröße). Kontrollierte Prozesse (auch bezeichnet als „exekutive Funktionen“) modulieren automatische Aktivierungen und erlauben eine Handlungssteuerung im Sinne übergeordneter Ziele. Exekutive Funktionen sind u. a. gefordert, wenn gewohnte Handlungen unterdrückt werden müssen, wenn die Bewegungsausführung genau kontrolliert werden muss oder wenn neuartige Bewegungen ausgeführt werden.
  • Was bezeichnet man als das „inverse Problem“ bei der Handlungsplanung?

    Lösung

    Handlungen werden im Sinne von Intentionen geplant, d. h. ausgehend von einem angestrebten Ziel- bzw. Endzustand muss eine Bewegung so geplant werden, dass erwünschte Handlungskonsequenzen entstehen. Die Ausführung der Handlung erfolgt dann „vorwärts“: erst die Bewegung, dann die Konsequenzen.
  • Über welche zwei Routen kann visuelle Information die Bewegungssteuerung beeinflussen?

    Lösung

    „Dual-Route“-Modelle der Handlungssteuerung postulieren, dass visuelle Reizmerkmale über eine direkte Route automatisch Reaktionen mit „passenden“ Merkmalen aktivieren. Auf einer zweiten Route wird zunächst semantisches Wissen aktiviert, und so kann z. B. eine Reaktion nach einer gespeicherten Regel aufgerufen werden. Die direkte, pragmatische Route ist wahrscheinlich in einem dorsalen Pfad der visuellen Informationsverarbeitung neuronal repräsentiert, der ausgehend von visuellen Gehirnbereichen im Parietalkortex endet, und die semantische Route in einem ventralen Pfad, der im Temporalkortex endet.
  • Inwiefern ermöglichen internale Vorwärtsmodelle eine Bewegungssteuerung unabhängig von sensorischem Feedback?

    Lösung

    Eine Kopie der an ein Körperglied gesendeten Muskelkommandos (die sog. Efferenzkopie) wird an eine Steuerungseinheit geschickt, welche ein Vorwärtsmodell der zu erwartenden Position des betroffenen Körperglieds berechnet. Die errechnete Position des Effektors wird mit der angestrebten Position verglichen, und die Muskelkommandos werden bei Bedarf verändert. Diese interne Schleife ist innerhalb des Gehirns lokalisiert (vermutlich im Kleinhirn) und wird durchlaufen, bevor die Muskelkommandos das Körperglied erreichen. Das verzögert eintreffende sensorische Feedback wird hierfür nicht benötigt.
  • Warum wird aktuell diskutiert, ob der bewusste Wille tatsächlich die Ursache unseres Handelns ist?

    Lösung

    In einem Experiment sollten Probanden zu einem beliebigen Zeitpunkt einen Finger bewegen (Libet 1985). Gleichzeitig beobachteten sie eine Art Stoppuhr und gaben an, zu welchem Zeitpunkt sie den Handlungsimpuls verspürten. Der Handlungsimpuls trat erst ca. 350 ms nach Beginn des „Bereitschaftspotenzials“ im EEG der Probanden auf, welches die Bewegungsvorbereitung reflektiert. Daraus wurde geschlossen, dass Handlungsabsichten eine nachträgliche Folge unbewusster neuronaler Prozesse der Bewegungsvorbereitung seien. Dies führte zu einer Diskussion über das Willensempfinden und die Definition des Begriffs „Wille“. Die Kritik an der Studie betrifft methodische Aspekte (z. B. die Genauigkeit des angegebenen Zeitpunkts) und die Frage, ob sich der Wille in dem Handlungsimpuls manifestiert oder vielmehr zu Beginn des Experiments bei der allgemeinen Instruktion.
  • Wie nennt man die Scheinbewegung eines stationären Hintergrunds, die während der Ausführung von glatten Augenfolgebewegungen zu beobachten ist?

    Lösung

    Filehne-Illusion.
  • Welches einfache Argument spricht dafür, dass schnelle Blickbewegungen (Sakkaden) ballistisch (d. h. vorprogrammiert) ausgeführt werden?

    Lösung

    Die sakkadische Reaktionszeit ist länger als die Dauer einer Sakkade.
  • Wie wird der initiale Positionsfehler bei der Initiierung von glatten Augenfolgebewegungen kompensiert, der aus der Verzögerung des visuellen Systems resultiert?

    Lösung

    Durch eine Korrektursakkade, die nach der Initiierung der Folgebewegung ausgelöst wird.
  • Wie wird aus dem Signal der exzitatorischen Burst-Neuronen (EBN) ein Signal erzeugt, welches die Position des Auges nach der Sakkade codiert?

    Lösung

    Tonische Neurone (TN) führen eine Integration des Bursts durch und erhalten dadurch ein Positionssignal.
  • Welche Eigenschaft besitzen gedächtnisgeführte Sakkaden?

    Lösung

    Gedächntnisgeführte Sakkaden überschießen grundsätzlich die Zielposition nach oben.
  • Wo liegt die typische Hirnschädigungsregion bei Patienten mit einer optischen Ataxie?

    Lösung

    Im Vergleich zu Patienten mit einer zerebralen Schädigung ohne optische Ataxie findet sich das kritische Läsionsvolumen in der parietookzipitalen Übergangsregion.
  • Welches sind die typischen Fehlleistungen, die in der proximalen und distalen Bewegungskomponente beobachtet werden?

    Lösung

    In der proximalen Bewegungskomponente kommt es zu direktionalen Fehlern, einem Danebengreifen. In der distalen Bewegungskomponente zeigt sich eine unzureichende Anpassung der Handöffnung und -orientierung an das jeweilige Zielobjekt.
  • Welche Verhaltensmuster bezeichnen der Hand- und der Feldeffekt?

    Lösung

    Sind die Fehler mit der kontraläsionalen Hand für beide Gesichtsfeldhälften stark ausgeprägt, bezeichnen wir dies als Handeffekt. Sind die Fehler mit beiden Händen nur im kontraläsionalen Gesichtsfeld stark ausgeprägt, bezeichnen wir dies als Feldeffekt.
  • Treten bei Patienten mit optischer Ataxie auch sensorische Defizite auf? Sind diese ursächlich für die optische Ataxie?

    Lösung

    Bei nahezu jedem berichteten Einzelfall wurden auch rein sensorische visuelle oder propriozeptive Defizite beobachtet. Sie scheinen jedoch nicht ursächlich für die optische Ataxie zu sein.
  • Was haben die unter dem Begriff Apraxie zusammengefassten Störungen gemeinsam?

    Lösung

    Sie sind motorische Fehlhandlungen, die beide Seiten des Körpers gleichermaßen betreffen, aber Folgen einseitiger, vorwiegend linkshirniger Läsionen sind.
  • In welchen motorischen Handlungen manifestieren sich Apraxien?

    Lösung

    Sie können Bewegungen des Gesichts oder der Gliedmaßen betreffen. Die Gliedmaßenapraxie betrifft in wechselhafter Ausprägung und Kombination das Imitieren von Gesten, die Ausführung kommunikativer Gesten auf Aufforderung, und den Gebrauch von Werkzeugen und Objekten.
  • Welche Manifestationen der Apraxie sind besonders häufig Folge von links parietalen Läsionen?

    Lösung

    Gestörtes Imitieren von Handstellungen und gestörter Gebrauch einzelner Werkzeuge und Objekte. Beim Werkzeug- und Objektgebrauch dürfte vor allem der Schluss von der Struktur auf mögliche Funktionen und weniger der Abruf von funktionellem Wissen aus dem semantischen Gedächtnis betroffen sein.
  • Welche Manifestationen der Apraxie treten auch nach rechtshemisphärischen Läsionen auf?

    Lösung

    Störungen des Imitierens von Fingerstellungen sowie von mehrschrittigen Handlungen mit mehreren Objekten.
  • Welche Rolle spielt der Kehlkopf (Larynx) im Rahmen der akustischen Kommunikation von Säugetieren und wie heißt das Analogon der Vögel?

    Lösung

    Der Kehlkopf dient der Phonation (Stimmgebung), d. h., er wandelt den expiratorischen Luftstrom um in ein harmonisches Signal (Grundfrequenz und Obertöne), Das Analogon der Vögel heisst Syrinx.
  • Welche Struktur des Mittelhirns ist an der Kontrolle der Vokalisationen subhumaner Primaten beteiligt?

    Lösung

    Das periaquäduktales Grau (PAG) und benachbarte Anteile des venralen Tegmentums.
  • An welche kortikalen Areale sind Planung und Ausführung der Sprechmotorik gebunden?

    Lösung

    An die primär-motorische Hirnrinde, die supplementär-motorische Area 6 (SMA6), die Broca-Region und die vordere Insel der linken Hemisphäre.
  • Welche lautsprachliche Kommunikationsstörung wird bei einer umschriebenen (!) Läsion des Broca-Areals in der Regel beobachtet?

    Lösung

    Sprechapraxie bzw. Aphemie.
  • Wie viele Wörter umfassen der aktive und passive Wortschatz eines Durchschnittssprechers?

    Lösung

    Der Aktivwortschatz eines Durchschnittssprechers beträgt für die Alltagsproduktion einige Tausend Wörter, für die Schriftsprache routinierter Schreiber mindestens 10.000. Der Passivwortschatz beträgt mindestens 50.000 Wörter.
  • Welche linguistischen Beschreibungsebenen unterscheidet man und was beinhalten sie?

    Lösung

    Man unterscheidet mindestens drei Ebenen, die Phonologie oder die Theorie der Lautstruktur, die Morphologie oder die Theorie der Wortbildungsstruktur und die Syntax oder die Theorie der Satzstruktur.
  • Wird die Struktur eines Satzes linear oder hierarchisch beschrieben? Warum?

    Lösung

    Die Struktur eines Satzes wird hierarchisch beschrieben. Eine lineare Beschreibung könnte nicht erfassen, dass Satzkonstituenten nur als Ganzes verschoben werden können.
  • Welche Satztypen werden bevorzugt für die Untersuchung aphasischer Patienten benutzt?

    Lösung

    Für die Untersuchung aphasischer Patienten werden bevorzugt semantisch reversible Sätze (z. B. „Der Mann liebt die Frau“ ) benutzt, da diese zur Erfassung ihrer Bedeutung eine syntaktische Analyse erfordern, im Gegensatz zu semantisch irreversiblen Sätzen (z. B. „Der Mann isst den Apfel“ ), die auf der Grundlage von Weltwissen ohne syntaktische Analyse verstanden werden können.
  • Was versteht man unter linguistischer Kompetenz? Wie unterscheidet sie sich von linguistischer Performanz?

    Lösung

    Die sog. sprachliche oder linguistische Kompetenz beinhaltet die innere Sprache, die impliziten Kenntnisse, die jeder Mensch hat und die er ständig befolgt, ohne sie jedoch direkt beobachten zu können. Aufgabe der Linguistik ist es, die mentalen sprachlichen Regeln und Prinzipien explizit zu machen. Hauptgegenstand der Psycholinguistik ist die sog. sprachliche oder linguistische Performanz, d. h. die Untersuchung der Mechanismen, die es einer Person ermöglichen, diese impliziten sprachlichen Kenntnisse während der unmittelbaren sprachlichen Verarbeitung in unterschiedlichen Aufgaben und Modalitäten umzusetzen.
  • Findet primäre auditorische Verarbeitung in beiden Hemisphären statt?

    Lösung

    Ja
  • Wird die P600 nur bei syntaktischen Verletzungen (in korrekten Sätzen) beobachtet?

    Lösung

    Nein.
  • Wird die Satzprosodie vornehmlich rechts verarbeitet?

    Lösung

    Ja.
  • Unterstützt der linke superiore Temporalkortex syntaktische Verarbeitungsprozesse?

    Lösung

    Ja.
  • Wie heißt die EKP-Komponente, die semantische Verarbeitung reflektiert?

    Lösung

    N400.
  • Wann beginnt die Sprachwahrnehmung und welche Eigenschaften der Muttersprache werden im Verlauf des 1. Lebensjahres erworben?

    Lösung

    Die Sprachwahrnehmung beginnt bereits vor der Geburt, d. h. intrauterin. Unmittelbar nach der Geburt werden Laute unterschieden und das vorherrschende Betonungsmuster der Muttersprache erkannt, später dann Satz- und Wortgrenzen sowie der eigene Name und Wörter wie „Papa“ und „Mama“.
  • Welche akustischen Parameter charakterisieren das „kanonische Lallen“?

    Lösung

    Das „kanonische Lallen“ ist durch die Bildung von Silben charakterisiert, deren Formantenübergangsdauer, Länge, Grundfrequenz und Intensität zielsprachlich konform sind.
  • Was versteht man unter der sog. Wortschatzexplosion („vocabulary spurt“)?

    Lösung

    Die Beobachtung, dass ab dem Alter von 18–24 Monaten Kinder täglich wesentlich mehr Wörter lernen als vorher.
  • Worin unterscheidet sich die interhemisphärische Organisation der Sprache von Erwachsenen und Kindern?

    Lösung

    Die bei Erwachsenen zu beobachtende Sprachdominanz der linken Hemisphäre scheint vor allem im 1. Lebensjahr zugunsten der rechten Hemisphäre weniger ausgeprägt.
  • Nicht jede Auffälligkeit in der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit deutet bereits auf das Vorliegen einer Aphasie hin. Wodurch ist eine Aphasie als Störung in der Sprachverarbeitung gekennzeichnet?

    Lösung

    Aphasie ist eine erworbene Sprachstörung, die als Folge einer Schädigung der perisylvischen Region in der sprachdominanten Hemisphäre auftritt. Je nach Art, Ort und Ausmaß der Hirnschädigung sind die verschiedenen Komponenten des Sprachsystems (Phonologie, Lexikon, Syntax, Semantik) in unterschiedlicher Weise betroffen. Kennzeichnend für eine Aphasie ist, dass sich die jeweiligen sprachlichen Störungsmerkmale expressiv wie rezeptiv zeigen, d. h. beim Hören und Sprechen (Lautsprache), beim Lesen und Schreiben (Schriftsprache). Rund 80% der Aphasien sind die Folge eines ischämischen Insultes oder einer intrazerebralen Blutung. Bedingt durch die Verteilung der Gefäßversorgung in perisylvischen Hirnarealen zeigen sich bei diesen Aphasien charakteristische Kombinationen von sprachlichen Störungsmerkmalen. Aphasien können auch bei Hirnverletzungen (Schädel-Hirn-Trauma), Hirntumoren, Hirnabszessen und Hirnabbauprozessen entstehen. Da bei diesen Ätiologien neben perisylvischen Spracharealen noch andere Hirnareale betroffen sind, liegt meist ein sprachliches Ausfallsmuster vor, das selektive Störungen in der Sprachverarbeitung aufweist und von sprachrelevanten kognitiven Leistungseinbußen begleitet ist. Die sprachliche Ausdrucksfähigkeit kann durch selektive Störungen des Sprechvorgangs, Minderleistungen exekutiver Hirnfunktionen (z. B. Antriebsverminderungen, Einschränkungen der Aufmerksamkeit, Umstellschwierigkeiten) oder Probleme in der Verarbeitung pragmatischer Aspekte einer sprachlichen Äußerung beeinträchtigt sein, ohne dass eine sprachliche Werkzeugstörung vorliegt.
  • Aufgrund klinischer Tradition entspricht den unterschiedlichen aphasischen Syndromen eine differenzielle Lokalisation der Läsion in der sprachdominanten linken Hemisphäre. Es erweist sich jedoch zweckdienlicher in der Aphasiediagnostik die neuronale Organisation der einzelnen Komponenten des Sprachsystems, die bei einer Aphasie gestört sein können, zu erfassen als nach einem typischen Läsionsort eines Syndroms zu suchen. Wieso?

    Lösung

    Ein erheblicher Prozentsatz der Aphasien weist auch bei umschriebenen, vaskulären Schädigungen der perisylvischen Sprachregion nicht die klassische Korrelation zwischen syndromspezifischen sprachlichen Störungsmerkmalen und Läsionsort auf. So kann beispielsweise bei einer Wernicke-Aphasie das Lesesinnverständnis weitgehend erhalten sein, und zwar bei einem deutlich eingeschränkten auditiven Sprachverständnis, ganz entgegen der traditionellen Auffassung einer Wernicke-Aphasie. Und wie die neurowissenschaftliche Forschung der vergangenen drei Jahrzehnte gezeigt hat, liegt den einzelnen Sprachfunktionen ein ausgedehntes neuronales Netzwerk zugrunde. So können sich Störungen in der auditiven Sprachverarbeitung unterschiedlich auswirken, je nach der Region im neuronalen Netzwerk, die geschädigt ist. Bei einer Läsion im Wernicke-Areal kann die phonologische Diskriminationsfähigkeit trotz ausgeprägter Störungen im Verstehen gesprochener Sprache eher erhalten sein, während bei einer Läsion im Broca-Areal das umgekehrte Störungsbild zu beobachten ist.
  • Inwiefern unterscheiden sich aphasisch bedingte Störungen in der Wortfindung von mnestisch bedingten?

    Lösung

    Bei mnestisch bedingten Störungen in der Wortfindung ist die Spontansprache flüssig und gut artikuliert, jedoch von häufigem Suchverhalten, Satzabbrüchen und semantisch fehlerhaften Wortselektionen geprägt. Es handelt sich dabei um eine Beeinträchtigung in der Verfügbarkeit konzeptuell-semantischer Informationen. Das Sprachverständnis ist ebenfalls betroffen, wobei lautes Lesen unauffällig sein kann. Bei aphasisch bedingten Störungen in der Wortfindung erweist sich der Zugriff auf Wortbedeutungen und/oder Wortformen beeinträchtigt; kennzeichnend dafür sind vor allem phonematische und semantische Paraphasien, bei schweren Aphasien spiegeln auch Stereotypien, Automatismen und Neologismen die Störungen in der Wortfindung wider. Der eingeschränkte Zugriff auf das mentale Lexikon kann sich auf die Satzbildung auswirken (s. Ausführungen zu den Störungen im Satzbau).
  • Das klassische neurologische Modell der Sprachverarbeitung von Wernicke sowie das funktionell-anatomische, das Hickok u. Poeppel vorgelegt haben, basieren auf der Verarbeitung gesprochener Sprache. Worin unterscheiden sich die beiden Modellvorstellungen?

    Lösung

    Das klassisch-neurologischen Modell der Sprachverarbeitung beruht auf der Vorstellung einer vorderen (frontalen) und einer hinteren (temporalen) Sprachregion, die miteinander über den Fasciculus arcuatus verbunden sind; dabei kommt der hinteren Sprachregion eine entscheidende Rolle bei der Sprachperzeption zu, während die vordere Sprachregion vor allem in die Sprachproduktion eingebunden ist. Nach Hickok u. Poeppel liegen der Sprachverarbeitung zwei neuronale Netzwerke zugrunde. Das eine Netzwerk dient der Verknüpfung auditiver Lautrepräsentationen mit ihren semantisch-lexikalischen Repräsentationen, die in einem ausgedehnten temporalen Projektionsgebiet liegen und über den Fasciculus uncinatus mit Regionen des präfrontalen Kortex verbunden sind. Dieses Netzwerk wird als ventraler Verarbeitungspfad beschrieben. Das andere Netzwerk, das als dorsaler Verarbeitungspfad beschrieben wird, dient der integrativen Verbindung von auditiven (sensorischen) Lautrepräsentationen und motorischen Artikulationsrepräsentationen. Mit ihrem funktionell-anatomischen Modell der Sprachverarbeitung suchten Hickok u. Poeppel die unterschiedlichen sprachlichen Störungsbilder, die sich bei einer linksseitigen Hirnschädigung finden, zu erfassen. Dabei versuchten sie sich von einer Klassifikation aphasischer Syndrome, wie sie im Rahmen klinischer Tradition gepflegt wird, zu distanzieren.
  • Wie werden isolierte Störungen des Schreibens in klassischen und modernen Modellen behandelt?

    Lösung

    In der klassischen deutschen Aphasiologie wurde kein eigenständiges, von der Lautsprache unabhängiges Verarbeitungssystem angenommen. Subtotale Störungsmuster des Lesens (Dyslexien) und des Schreibens (Dysgrafien) wurden in der klassischen deutschsprachigen Aphasiologie nicht als eigenständige Störungen der Schriftsprache, sondern als Ausdruck von Störungen der Lautsprache betrachtet. Nur totale Störungen des Lesens (Alexie) mit oder ohne begleitende Störungen des Schreibens (Agrafie) wurden als modalitätsspezifische Störungen der Schriftsprache berücksichtigt. Das Vorliegen einer isolierten Agrafie ohne Alexie wurde aus neuroanatomischen Gründen ausgeschlossen. In gegenwärtigen Modellen der Wortverarbeitung werden die Prozesse und Repräsentationen, die beim Lesen und Schreiben benutzt werden, als funktionell eigenständig betrachtet. Somit werden hier im Gegensatz zum klassischen Modell totale sowie subtotale isolierte Störungen des Schreibens vorhergesagt.
  • Was versteht man unter unregelmäßiger Graphem-Phonem-Zuordnung?

    Lösung

    Wenn eine Buchstabenfolge auf verschiedene Weise lautlich realisiert werden kann, wird das segmentale Regelwerk die jeweils Gebräuchlichere realisieren, sodass es dann zu sog. Regularisierungen kommt (z. B. engl. „recent“ als „rikunt“).
  • Wie unterscheidet sich die direkte Dyslexie von der phonologischen Dyslexie?

    Lösung

    Bei der direkten Dyslexie wird ausschließlich über die direkt-lexikalische Leseroute gelesen, so dass das Lesen regelmäßiger und unregelmäßiger Wörter zwar gelingt, die Bedeutung jedoch nicht erfasst wird. Bei der phonologischen Dyslexie wird neben der direkt lexikalischen Leseroute auch die semantische Route verwendet, sodass hier die Bedeutung des Gelesenen erfasst werden kann.
  • Sind die Formen der Dyslexie und Dysgrafie, die in alphabetischen Schriftsprachen gefunden wurden, auf nichtalphabetische Schriftsprachen übertragbar?

    Lösung

    In nichtalphabetischen Schriftsprachen wurden Dyslexien und Dysgrafien beschrieben, die mit dem für alphabetische Sprachen erarbeitete Wortverarbeitungsmodell kompatibel sind.
  • Wer beschrieb als erster Autor die Alexie ohne Agrafie? Welche Symptome hat sie und wie kommt sie zustande?

    Lösung

    Déjerine (1892) beschrieb als erster Autor einen Fall mit reiner Alexie ohne Agrafie. Déjerines Patient war nicht in der Lage, Wörter zu lesen oder Buchstaben zu benennen, trotz erhaltener Schreibfähigkeiten und fehlender aphasischer Symptome. Bei diesem Patienten waren nach einem Schlaganfall der okzipitale Kortex der linken Hemisphäre sowie das Splenium des Corpus callosum beeinträchtigt. Durch die links okzipitale Läsion konnte die linke Hemisphäre nicht mehr auf visuell dargebotene Stimuli zugreifen. Der Zugriff musste so über den okzipitalen Kortex der rechten Hemisphäre erfolgen. Die Verbindung zum erhaltenen linkshemisphärischen Schriftsprachzentrum und von dort aus zum Sprachzentrum war durch die Läsion im Splenium aufgehoben. Dies führte zur totalen Leseunfähigkeit des Patienten.
  • Was besagt die rechtshemisphärische Hypothese der Tiefendyslexie?

    Lösung

    Im Gegensatz zu Déjerine nimmt die moderne Literatur an, dass die rechte Hemisphäre nicht gänzlich ohne Sprachfähigkeiten ist, und dass sie in der Lage ist, konkrete Nomina sprachlich zu verarbeiten. Einige Autoren nehmen deshalb für die Tiefendyslexie an, dass die Symptomatik, insbesondere die bessere Leistung für konkrete Nomina sowie das Vorliegen semantischer Paralexien, Verarbeitungsmechanismen der rechten Hemisphäre reflektiert. Sie argumentierten, dass bei der Tiefendyslexie, die häufig begleitend mit einer Broca-Aphasie auftritt, große Areale der linken Hemisphäre, die bei den meisten rechtshändigen Personen auch die sprachdominante Hemisphäre darstellt, beeinträchtigt sind, während die rechte Gehirnhälfte intakt ist. Sprachliche Verarbeitung könnte in dem Fall auch von der rechten Gehirnhälfte übernommen werden.
  • Bei welchen Syndromen ist eine Abhängigkeit der Sprechleistung von der Auftretenshäufigkeit sprechmotorischer Einheiten nachweisbar?

    Lösung

    Die Fehler sprechapraktischer Patienten werden durch die Auftretenshäufigkeit von Silben beeinflusst.
  • Bei welchen Dysarthriesyndromen zählt eine durchgängige Hypernasalität zu den charakteristischen Merkmalen?

    Lösung

    Patienten mit einer paretischen Dysarthrie vom spastischen oder schlaffen Typ sprechen infolge einer Gaumensegelparese häufig durchgängig hypernasal.
  • Welche Merkmale charakterisieren die Sprechapraxie gegenüber den Dysarthrien?

    Lösung

    Patienten mit Sprechapraxie zeigen Such- und Korrekturverhalten und vereinzelt auch „Inseln“ störungsfreier Lautproduktion. Die Lautentstellungen sprechapraktischer Patienten sind variabel. Sprechatmungs- und Stimmstörungen sind im Vergleich zu den Störungen der Artikulation allenfalls gering ausgeprägt.
  • Welche Hirnstrukturen sind mit dem Syndrom des akinetischen Mutismus verknüpft?

    Lösung

    Der frontomesiale Kortex (SMA und vorderer cingulärer Kortex) und die mesiodienzephale Übergangsregion (periaquäduktales Grau).
  • Welche nichtverbalen Informationskanäle gibt es bei Primaten?

    Lösung

    Neben der Sprache kann Information, z. B. über Emotionen oder andere relevante soziale Signale, auch vermittelt werden über den Gesichtsausdruck, die Körperhaltung, Gesten oder den Stil von Körperbewegungen.
  • Welche wesentlichen neuronalen Strukturen sind an der Verarbeitung von Gesichtern beteiligt?

    Lösung

    Nach der recht etablierten Zwei-Prozess-Theorie gibt es verschiedene Kanäle für die Verarbeitung von veränderlichen und nichtveränderlichen bzw. invarianten Merkmalen von Gesichtern. Invariante Aspekte werden vor allem in temporalen Strukturen (z. B. Gyrus fusiformis) verarbeitet, während die Verarbeitung veränderlicher Merkmale wie Gesichtsausdrücke und -bewegungen oder des beobachteten Blickverhaltens im Sulcus temporalis superior (STS) erfolgt. Zudem ist auch der Mandelkern vor allem an der Verarbeitung emotionaler Gesichtssignale beteiligt.
  • Sind nur kortikale Strukturen an der Verarbeitung emotionaler Ausdrücke beteiligt?

    Lösung

    Während der Kortex sicher einen wesentlichen Beitrag leistet, deuten Experimente darauf hin, dass es einen subkortikalen Verarbeitungspfad für die Verarbeitung emotionaler Gesichts- und Körperausdrücke gibt. Insbesondere können Patienten mit primärer Rindenblindheit emotionale Gesichts- und Körperbewegungen erkennen.
  • Was besagt die Hypothese der gemeinsamen Codierung von Perzeption und Handlung?

    Lösung

    Es gibt zahlreiche Studien, die auf eine enge Kopplung der neuronalen Strukturen für die Wahrnehmung von Körperbewegungen und ihrer Steuerung hindeuten. Ein sehr bekanntes Beispiel sind die Spiegelneurone, z. B. im prämotorischen Kortex, die sowohl bei der Ausführung als auch bei der Wahrnehmung von Bewegungen aktiv sind. Neuronale Strukturen für die Wahrnehmung und die Steuerung sozialer Kommunikationssignale, wie Körperbewegungen und Gesichtsausdrücke, sind daher wahrscheinlich überlappend, und bei der Beobachtung solcher Stimuli werden auch motorische Strukturen aktiviert („Motorresonanz“). Vor allem bei Autisten und Schizophrenie wurden Defizite bei der Verarbeitung solcher sozialer Bewegungsstimuli beschrieben.
  • Welche verschiedenen Konzepte umfasst der Zahlbegriff, und wie sind diese definiert?

    Lösung

    Kardinalität: Anzahl von Elementen einer Menge; Ordinalität: Position eines Elements in einer Folge; Nominalität: Identifizierung von Objekten einer Menge
  • Welche biologischen Vorläufersysteme des Zahlenverständnisses lassen sich erkennen?

    Lösung

    Vergleichende Verhaltensforschung: Tiere unterscheiden Anzahlen; Entwicklungspsychologie: Säuglinge und Kleinkinder repräsentieren Mengen; Ethnologie: Menschen in Kulturen ohne Zahlensysteme unterscheiden Mengen; Psychologie: Erwachsene, denen verbales Zählen unmöglich gemacht wird, unterscheiden Mengen.
  • Was versteht man unter „anzahlselektiven Neuronen“? In welchen Hirnarealen sind diese am häufigsten?

    Lösung

    Neurone, die auf bevorzugte Anzahlen abgestimmt antworten. Zu finden vor allem in der Tiefe des Intraparietalsulcus und im lateralen Präfrontalkortex.
  • In welchem Hirnareal ist die Repräsentation quantitativer Regeln abgebildet? Wie sieht die zelluläre Antwort aus?

    Lösung

    Im Präfrontalkortex. Zellen verhaltenstrainierter Rhesusaffen reagieren spezifisch mit Erhöhung der Entladungsrate, wenn Regeln („Größer-als-/Kleiner-als“-Regeln) für die Auswahl von Mengen angezeigt werden, noch bevor eine motorische Handlung geplant werden kann. Die eine Hälfte der Population von Zellen codiert die „Größer-als“-Regel, die andere Hälfte die „Kleiner-als“-Regel.
  • Erläutern Sie den Unterschied zwischen Akalkulie und Dyskalkulie!

    Lösung

    Bei der Akalkulie handelt es sich um mehr oder weniger ausgeprägte Beeinträchtigungen und Störungen beim Rechnen und im Umgang mit Zahlen sowie im konzeptuellen Verständnis von mathematischen Gegebenheiten in Folge einer erworbenen Hirnschädigung im Erwachsenenalter nicht nur in Testuntersuchungen, sondern auch bei Alltags- und Berufstätigkeiten.
  • Was versteht man in der numerischen Kognitionsforschung unter dem (a) Distanzeffekt, (b) Problemgrößeneffekt, (c) SNARC-Effekt und (d) Kompatibilitätseffekt?

    Lösung

    (a) Zwei (ganze, positive, ein- oder zweistellige) Zahlen (oder Zahlwörter, Punktmengen) sind umso leichter/schneller hinsichtlich ihrer numerischen Größe zu vergleichen, je größer ihre numerische Differenz ist; dasselbe gilt für den Vergleich einer Zahl mit einer Standard-Vergleichszahl. (b) Eine (numerische) Operation zwischen zwei Zahlen ist umso schwerer/langsamer auszuführen, je größerer die beteiligten Zahlen sind (z. B. Größenvergleich, Addition, Multiplikation, usw.). (c) Bei (einstelligen) Zahlen fällt die Entscheidung über die Parität einer Zahl für die relativ kleineren Zahlen schneller mit der linken Hand und für die relativ größeren Zahlen schneller mit der rechten Hand. (d) Der numerische Größenvergleich von zweistelligen Zahlenpaaren, bei denen der Vergleich von Zehner- und Einerstelle zu demselben Ergebnis hinsichtlich der Größenrelation führt (kompatibel z. B. 43_67, da 4 < 6 und 3 < 7), gelingt leichter/schneller als bei Zahlenpaaren mit gegensätzlicher Größenrelation (inkompatibel z.  B. 37_61, da 3 < 6 aber 7 > 1). Dieser Kompatibilitätseffekt wird umso größer, je größer die Inkompatibilität in der Einerstelle ist (z. B. 38_51 mit einer inkompatiblen Einerdistanz von 7 verglichen mit 43_62 und einer inkompatiblen Einerdistanz von 1).
  • Welche internen mentalen Repräsentationen für Zahlen werden in dem „Triple-Code-Modell“ von Dehaene unterschieden und bei welchen kognitiven Operationen mit Zahlen sind sie typischerweise beteiligt?

    Lösung

    Es werden drei wechselseitig ineinander überführbare, internen mentalen Repräsentationen für Zahlen angenommen: 1. Ein auditiv-verbaler Code mit präphonologischen Wortformen ohne numerische Bedeutung, in den gehörte und gelesene Zahlwörter transformiert werden und der den Ausgangscode für gesprochene und geschriebene Zahlwörter bildet. Auf diesen Code wird beim Abruf von arithmetischem Faktenwissen und beim fortlaufenden Zählen zugegriffen. 2. Ein visuell-arabischer Code (visuelle Zahlform) mit Anordnungen von Symbolen ohne numerische Bedeutung, in den gelesene arabische Zahlen transformiert sowie von dem aus arabische Zahlen geschrieben werden. Auf diesen Code wird bei Rechenaufgaben mit mehrstelligen Zahlen zugegriffen. 3. Ein zentraler analoge semantischer Größencode in Form einer Aktivierungsverteilung über einem mentalen, orientierten Zahlenstrahl (mit logarithmischer Skalierung). Dieser Code wird verwendet, wenn die Anzahl einer Menge von Objekten schnell zu erfassen, Zahlen hinsichtlich ihrer Größe zu vergleichen, numerische Nähe festzustellen, approximative Berechnungen auszuführen oder die ungefähre Richtigkeit von Rechnungen zu kontrollieren ist.
  • Beschreiben Sie die Ausdifferenzierung der parietalen Hirnareale und ihrer Funktionen in der Erweiterung des anatomisch-funktionalen Triple-Code-Modells.

    Lösung

    Inferiorparietale Hirnareale in beiden Hemisphären im und um den (horizontalen Abschnitt) des intraparietalen Sulcus (hIPS) herum unterstützen die semantische Repräsentation numerischer Größe (Größenvergleiche, approximativen Berechnungen oder Rechnungen mit größeren Zahlen). Verbal mediierte Rechenprozesse wie bei den Grundrechenarten stützen sich auf ein linkshemisphärisch lateralisiertes Netzwerk von Hirnarealen mit einer bedeutsamen Rolle für das linke inferiore Parietalhirn (insbesondere Anteile des Gyrus angularis beim Abruf von im Langzeitgedächtnis in einem sprachlichen Format gespeicherten Rechenfakten bei exakten Rechnungen) sowie temporale (Sprach-) Areale. Areale im posterioren superioren parietalen Lobulus (PSPL) unterstützen die mentale Aufmerksamkeitsausrichtung auf dem mentalen Zahlenstrahl bei numerischen Größenvergleichen und approximativen Rechnungen (z. B. Addition oder Subtraktion).
  • Nennen Sie fünf wichtige Ergebnisse der kognitiv neuropsychologischen Forschung zu (selektiven) Störungen numerischer Kognition bzw. dissoziierbaren Funktionen.

    Lösung

    1. Getrennte Netzwerke für approximative und exakte Berechnungen in der rechten bzw. linken Hirnhälfte, Fähigkeiten der rechten Hemisphäre zum Größenvergleich und Gleich-ungleich-Entscheidungen für arabische Zahlen bei gleichzeitiger Alexie für dieselben Zahlen. 2. Unterscheidung zwischen dem schnellen Abruf von arithmetischem Faktenwissen und der Verfügbarkeit über Rechenprozeduren und konzeptuelles Wissen über Zahlen. 3. Selektive Beeinträchtigung einzelner oder mehrerer Grundrechenarten mit unterschiedlich möglichem Rückgriff auf hoch überlerntes Wissen wie beim kleinen Einmaleins. 4. Selektive Beeinträchtigung in der Verarbeitung der Rechenzeichen. 5. Differenzierung zwischen vorwiegend lexikalischen oder syntaktischen Fehlern beim Lesen von arabischen Zahlen. 6. Unterschiedliche Leistungsfähigkeit, dieselbe Zahl als arabische Zahlen zu lesen bzw. sie als Ergebnis einer Kopfrechenaufgabe zu nennen. 7. Selektive Störung syntaktischer Mechanismen in Mathematik und Sprache.
  • Wie kann man Musik definieren?

    Lösung

    Musik kann auf verschiedene Weisen definiert werden. Eduard Hanslick, der Brahms-Zeitgenosse konstatierte: Der Inhalt der Musik sind „tönend bewegte Formen“. Komponisten neuer Musik neigen z. B. zu „subjektivistischen“ Definitionen. Wolfgang Rihm definiert Musik so: „Musik ist das, was ich zur Musik erkläre“. Für den Kognitionspsychologen ist das wenig hilfreich. Musik ist vom Menschen erfunden und gestaltet. Musik benutzt akustisches Material und strukturiert es in der Zeit. Und Musik teilt etwas mit – es ist mehr als nur eine tönend bewegte Form: Musik ist bewusst gestaltete, zeitlich strukturierte Ordnung von akustischen Ereignissen in sozialen Kontexten.
  • Warum sind neuroanatomische Substrate der Musikwahrnehmung individuell so unterschiedlich?

    Lösung

    Nicht alle neuroanatomischen Substrate der Musikwahrnehmung sind individuell verschieden. Die primären und sekundären Hörkortizes beider Hemisphären sind beim Musikhören immer beteiligt. Aber bereits die auditiven Assoziationsareale, die sensomotorischen, visuellen und limbischen Regionen werden nur dann mit aktiviert, wenn sie durch die Hörbiografie in ein assoziatives Netzwerk mit dem Stimulus „Musik“ eingebunden wurden. Die Aktivierungen sind hochspezifisch und dynamisch: Flötisten aktivieren die Handregion beim Hören von Flötenmusik, aber nicht beim Hören von Geigenmusik! Die neuroanatomischen Substrate der Musikwahrnehmung spiegeln also die auditive Biografie des Hörers wieder.
  • Welche Probleme ergeben sich bei der Testung auf Musikwahrnehmungsstörungen (Amusie-Tests)?

    Lösung

    Die rezeptiven und expressiven musikalischen Fertigkeiten sind in der Bevölkerung sehr heterogen. Aufgrund dieser Varianz ist die Bildung von Normwerten extrem erschwert. Daher sollte zur Feststellung eines amusischen Defizits die musikalische Biografie (z. B. Instrumentalfertigkeitern, Chorsingen) mit erfasst werden, um so das prämorbide Musikalitätsniveau abzuschätzen.
  • Welche Formen der Amusie kennen Sie?

    Lösung

    Es gibt die erworbene Amusie, die meist nach Schlaganfällen auftritt. Etwa 50–70% der Schlaganfallpatienten leiden unter einer rezeptiven – die Musikwahrnehmung betreffenden – Amusie. Die Musikproduktion betreffende expressive Amusien sind wahrscheinlich sogar noch häufiger! Darüber hinaus leiden ca. 4% der Menschen an einer kongenitalen Amusie. Dies ist eine erblich bedingte Teilleistungsschwäche, die vor allem die Melodieverarbeitung betrifft.
  • Globale Gedächtnismodelle wie z. B. MINERVA 2 sind wesentlich erfolgreicher und können mehr empirische Phänomene erklären als Ansätze, in denen versucht wird, Gedächtnis in einfache Systeme wie etwa ein episodisches oder semantisches Langzeitgedächtnis zu unterteilen. Wie sieht in MINERVA 2 die zugrunde liegende Gedächtnisrepräsentation aus, und wie muss man sich den Prozess des Wiedererkennens vorstellen?

    Lösung

    Jedes Ereignis – ein beachtetes Objekt und sein episodischer Kontext – wird im Gedächtnis als eine Aneinanderreihung von semantischen, phonologischen oder anderen Attributen repräsentiert. Jedes Erleben eines Ereignisses führt in MINERVA 2 zu einer neuen Gedächtnisrepräsentation, auch wenn das Ereignis aus früheren Erlebnissen schon repräsentiert ist. Beim Wiedererkennen werden die Objekt- und Kontextattribute des Ereignisses, das wiedererkannt werden soll, mit den Attributen der im Gedächtnis repräsentierten Ereignisse verglichen. Je größer die Ähnlichkeit zwischen dem Ereignis, das wiedererkannt werden soll, und den im Gedächtnis repräsentierten (gelernten und noch nicht wieder vergessenen) Ereignissen ist, desto größer fällt das „Echo“ aus, welches das Gedächtnis zurückgibt. Die Größe des Echos wird als Vertrautheit interpretiert. Mit zunehmender Vertrautheit steigt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein Ereignis wiedererkannt wird.
  • Welche Befunde sprechen für die Annahme, dass das menschliche Gedächtnis überlebensrelevante Information vermutlich besonders gut behalten kann?

    Lösung

    Erinnerungsleistungen sind deutlich besser für Dinge, deren Brauchbarkeit in einer Überlebenssituation (Nahrungssuche, Schutz vor wilden Tieren) zu beurteilen ist, im Vergleich zu Dingen, deren Brauchbarkeit etwa für einen Umzug zu beurteilen ist. Wenn jemandem nachgesagt wird, ein Betrüger zu sein, wird seine Reputation besser erinnert als eine in dieser Hinsicht neutrale Reputation.
  • Worin unterscheidet sich das Embedded-Process-Modell des menschlichen Arbeitsgedächtnisses vom modularen Modell?

    Lösung

    (a) Die Funktion steht im Vordergrund, nicht die Struktur. (b) Arbeitsgedächtnis ist nicht separat vom Langzeitgedächtnis konzeptualisiert, sondern als dessen aktivierter Teil. (c) Es kann viele Befunde erklären, die das modulare Modell nicht erklären kann.
  • Inwiefern „sieht“ man mehr, als man berichten kann?

    Lösung

    Sperling (1960) konnte zeigen, dass man bei einer Präsentationszeit von 50 ms aus einer 3×4-Matrix von Zeichen ungefähr 4,32 Zeichen korrekt berichten kann. Wenn 50 ms nach der 3×4-Matrix ein Ton dargeboten wird, dessen Höhe anzeigt, welche Reihe aus der Matrix zu berichten ist (bei einem hohen Ton die obere, bei einem mittelhohen die mittlere etc.), werden im Durchschnitt 3,04 Elemente berichtet. Daher müssen zum Zeitpunkt des Hinweises pro Reihe etwa 3 Elemente, bei 3 Reihen also ungefähr 9 Elemente verfügbar gewesen sein. Man sieht also zunächst mehr, als man schon kurz danach berichten kann.
  • Was sind dissoziative Gedächtnisstörungen?

    Lösung

    Meist handelt es sich um Abrufstörungen im autobiografischen Gedächtnisbereich, die auf psychisch nicht (ausreichend) verarbeitete Stress- und Traumaerlebnisse zurückzuführen sind.
  • Welche Hirnstrukturen spielen für die Einspeicherung von bewusst verarbeiteter Information eine zentrale Rolle?

    Lösung

    Strukturen des limbischen Systems wie die hippocampale Formation, der mediodorsale Thalamus und die Mammillarkörper.
  • Welche Hirnstrukturen spielen für den Abruf von bewusst verarbeiteter Information eine zentrale Rolle?

    Lösung

    Hier scheinen frontotemporale Kortexregionen der rechten Hirnhälfte vor allem für den Abruf bewusst verarbeiteter episodisch-autobiografischer Erinnerungen mit emotionaler Colorierung wichtig zu sein, während für reinen (neutralen) Faktenabruf die gleiche Konstellation aus frontotemporalen Regionen der linken Hemisphäre wichtig zu sein scheint. Diese Hirnregionen sind bidrektional über den Fasciculus uncinatus miteinander verbunden.
  • Wie unterteilt man heutzutage das Gedächtnis in Systeme?

    Lösung

    Das Gedächtnis wird heutzutage nicht nur in Kurzzeit- (ca. 5 Informationseinheiten oder bis zu einer Dauer von wenigen Minuten) und Langzeitgedächtnis (über die Dimensionen des Kurzzeitgedächtnisses hinausgehend) unterteilt, sondern auch in fünf inhaltliche differenzierbare Systeme, von denen zwei grundsätzlich ohne bewusste Reflexion und drei mit bewusster Reflexion verarbeitet werden. Diese Systeme lassen sich onto- und phylogenetisch als aufeinander aufbauend verstehen. Das älteste stellt das prozedurale Gedächtnis dar, das motorische Fertigkeiten wie Auto fahren oder Dame spielen prozessiert, das zweite ist das Priming-System, bei dem zuvor in gleicher oder ähnlicher Weise wahrgenommene Reize nach wiederholter Wahrnehmung mit erhöhter Wahrscheinlichkeit (wieder-)erkannt werden. Dann folgt als erstes bewusst arbeitendes das perzeptuelle Gedächtnis, das Bekanntheit und Familiarität verarbeitet. Danach folgt das Wissenssystem, das kontextfreie Fakten, also Schulwissen, Weltwissen, Allgemeinwissen codiert und das höchststehende, sich ontogenetisch und phylogenetisch am spätesten herausbildende System ist das episodisch-autobiografische Gedächtnis, das eine synchrone Aktivität von Kognition und Emotion verarbeitenden Hirnbereichen verlangt und mentale Zeitreisen ermöglicht.
  • Welche Formen von Konfabulationen kennen Sie?

    Lösung

    1. Intrusionen in Gedächtnistests (einfache provozierte Konfabulationen); 2. Augenblickskonfabulationen, auch momentane oder Verlegenheitskonfabulationen genannt; 3. fantastische Konfabulationen; 4. spontane Verhaltenskonfabulationen.
  • Welche Läsion liegt normalerweise den Intrusionen (einfache provozierte Konfabulationen) zugrunde?

    Lösung

    Intrusionen treten nach Hirnschädigung gehäuft auf, haben aber kein definiertes anatomisches Substrat.
  • Welches sind die Konsequenzen eines Versagens des orbitofrontales Realitätsfilters?

    Lösung

    Eine Realitätsverwechslung, die sich in Konfabulationen, Handlungen entsprechend dieser Konfabulationen (spontane Verhaltenskonfabulationen) und Desorientiertheit äußert.
  • In welcher Phase der Aktivierung einer Gedächtnisspur setzt der orbitofrontale Realitätsfilter ein (in Millisekunden)?

    Lösung

    Nach zirka 200–300 ms, d. h., in einer vorbewussten Phase der Gedächtnisaktivierung.
  • Bei welchen klinischen Zuständen treten fantastische Konfabulationen auf?

    Lösung

    Bei aktiven Psychosen, fortgeschrittener Demenz oder akuten Verwirrtheitszuständen.
  • Warum gilt der präfrontale Kortex als er „menschlichste“ Teil der Großhirnrinde?

    Lösung

    Sein relativer Anteil nimmt im Verlaufe der Entwicklungsgeschichte zu und erreicht beim Menschen sein Maximum.
  • Welcher Teil des Thalamus stellt das wesentliche Bindeglied zum präfrontalen Kortex dar?

    Lösung

    Der dorsomediale Kern.
  • Was sind Antisakkaden und warum sind sie ein einfaches funktionelles Modell für kognitive Kontrolle?

    Lösung

    Antisakkaden sind Augenbewegungen, die instruktionsgemäß entgegen der Richtung des Blickzieles ausgeführt werden. Sie sind durch einen Bewegungsvektor ausgewiesen, der sich aus einer Inversion des Vektors, der vom Fixationspunkt zum peripheren Blickziel führt, ergibt. Es handelt sich um ein Beispiel kognitiver Kontrolle, in der die Umsetzung einer spezifischen Instruktion einen einfachen visuomotorischen Reflex, eine Sakkade auf das Blickziel auszuführen, unterdrückt und zu gänzlich anderen Verhaltenskonsequenzen führt. 
  • Welche Rolle dürften dopaminerge Eingänge auf den präfrontalen Kortex spielen?

    Lösung

    Sie vermitteln Informationen über die Bewertung von Verhaltensleistungen (das Eintreten oder Ausbleiben von „Belohnungen“), die für Veränderungen präfrontal implementierter Verhaltensstrategien Anlass geben.
  • Worin unterscheiden sich das domänen- und das funktionsspezifische Arbeitsgedächtnismodell?

    Lösung

    Das domänenspezifische Modell nimmt an, dass ventrolaterale Anteile des präfrontalen Kortex nichträumliche und dass dorsolaterale Anteile räumliche Informationen verarbeiten. Das funktionsspezifische Modell geht davon aus, dass mittlere ventrolaterale Areale am aktiven Abruf von Informationen aus posterioren Gehirnregionen beteiligt sind, wohingegen mittlere dorsolaterale Areale an der Überwachung der Relationen zwischen Arbeitsgedächtnisinhalten und Ereignissen in der Umwelt beteiligt sind.
  • Beschreiben Sie kurz drei für den frontopolaren Kortex vorgeschlagene Funktionsmodelle.

    Lösung

    1. Der FPC repräsentiert übergeordnete Ziele, die aufgrund der aktuell notwendigen Bearbeitung von untergeordneten Zielen vorübergehend zurückgestellt werden mussten („branching“). 2. Der FPC ist für die Integration der Ergebnisse von getrennten kognitiven Operationen notwendig. 3. Der FPC ist am Entdecken von Veränderungen in der Umwelt und der Neugewichtung der Aufmerksamkeit auf diese Veränderungen hin beteiligt.
  • Beschreiben Sie den Regelkreis der kognitiven Kontrolle.

    Lösung

    Die kognitive Kontrolle dient der flexiblen Anpassung von Handlungen zur optimalen Zielerreichung. Wird eine Handlung mit einem bestimmten Ziel ausgeführt, fahndet das Handlungsüberwachungssystem nach Informationen, die eine Gefährdung der Zielerreichung oder Abweichung des Handlungsergebnisses vom intendierten Ziel nahelegen. Diese Information wird genutzt, um den Handlungswert zu modifizieren. Des Weiteren werden Korrektur-, Kompensations- und andere Anpassungsprozesse initiiert, die von sofortigen motorischen Reaktionen über eine Erhöhung der Anstrengungsbereitschaft und Aufmerksamkeitsfokussierung bis hin zu Lernprozessen reichen.
  • Wie äußert sich der rostrodorsale Gradient der schmerz- und emotionsassoziierten Funktionen der Frontomedianwand?

    Lösung

    Die frontale Medianwand ist in bildgebenden Studien konsistent mit Emotionen, Emotionskontrolle sowie Schmerzverarbeitung assoziiert. Der dorsale, posteriore Anteil der Frontomedianwand scheint eher bei der Wahrnehmung, Bewertung und Expression von (meist negativen) Emotionen und akuten Schmerzen eine Rolle zu spielen. Der mehr anteriore (rostrale), prä- und subgenuale Anteil ist vermutlich eher an der Emotionskontrolle beteiligt. In einem ähnlichen Sinne scheint diese Region für absteigende antinozizeptive Schmerzmodulation und für Placeboeffekte bedeutsam zu sein.
  • Mit welchen Symptomen ist bei einer präfrontalen Läsion zu rechnen?

    Lösung

    Generell kann man zwei Richtungen unterscheiden: Einerseits eine Antriebs- und Aktivitätsminderung (Vollbild akinetischer Mutismus), andererseits Enthemmungssymptome (Greifreflex, Reaktion auf Umgebungsreize unter Vernachlässigung eines Handlungsziels, Perseverationen, Regelverstöße). Die Störung exekutiver Funktionen beinhaltet beide Richtungen: das Fehlen zielgerichteten Verhaltens (als Folge oder Ursache einer Antriebsminderung), eingeschränkte bis fehlende Inhibitionskontrolle. Emotional zeigt sich eine Verflachung mit labiler Stimmungslage.
  • Wie unterscheiden sich die Konzepte Arbeitsgedächtnis und Kurzzeitgedächtnis?

    Lösung

    Während das Konzept Kurzzeitgedächtnis sich nur auf die Dauer und Menge der aufrechterhaltenen Information bezieht, betont das Konzept Arbeitsgedächtnis, dass kognitive Operationen mit den Informationen durchgeführt werden, häufig im Zusammenhang mit übergeordneten handlungsrelevanten Zielvorgaben (Absichten).
  • Was bedeutet eine Störung der „Theory of Mind“?

    Lösung

    Zur sozialen Interaktion ist es erforderlich, dass wir uns vorstellen können, was der Interaktionspartner gerade denkt und welche Intentionen er verfolgt. Diese Fähigkeit kann aufgrund einer medialen präfrontalen Läsion gestört sein.
  • Welche klassischen experimentellen Paradigmen existieren zum Überprüfen von präfrontalen Funktionen?

    Lösung

    „Wisconsin Card Sorting Test”, „Tower of London”, „Iowa Gambling Task”
  • Welches ist der wesentliche Unterschied zwischen der Theorie von Shallice u. Norman und der Somatischen Markerhypothese von Damasio?

    Lösung

    Während Shallice u. Norman mit dem automatisierten Contention Scheduling und dem hierarchischen Supervisory Attentional System kognitive Prozesse für die Handlungsplanung und -ausführung in den Vordergrund stellen, postulieren die Vertreter der somatischen Markerhypothese, dass Handlungsregulation neben kognitiven Prozessen auch wesentlich über eine affektive Komponente gesteuert wird, die zu spürbaren vegetativen Reaktionen führt, die wiederum zerebral repräsentiert sind.
  • In wie viele und welche Lobi und Lobuli wird das Kleinhirn anatomisch unterteilt?

    Lösung

    Drei Lobi: L. anterior, L. posterior und L. flocculonodularis; zehn Lobuli: I-X; L. anterior = lobuli I-V, L. posterior = Lobuli VI-IX, L. flocculonodularis =Lobulus X.
  • Welchen Anteilen des Kleinhirns werden kognitive Funktionen zugeordnet?

    Lösung

    Dem posterolateralen Kleinhirn, insbesondere den Lobuli VI, Crus I und Crus II und dem dazugehörigen Kleinhirnkern (d. h. dem Ncl. dentatus , hier insbesondere den posterioren bzw. ventralen Anteilen).
  • Was versteht man unter dem „cerebellar cognitive affective syndrome“?

    Lösung

    Kombination aus gestörten Exekutivfunktionen, visuell-räumlichen und sprachlichen Fähigkeiten, sowie Störungen des Affekts und Verhaltens bei zerebellären Erkrankungen.
  • Nennen Sie drei Störfaktoren, die es erschweren, Defizite in neuropsychologischen Tests bei Patienten mit Kleinhirnerkrankungen als Hinweis für eine direkte Rolle des Kleinhirns bei kognitiven Leistungen zu interpretieren.

    Lösung

    Motorische Komponenten der Aufgabe und damit Einfluss der zerebellären Ataxie (d. h. des motorischen Defizits); Erkrankungen sind häufig nicht auf das Kleinhirn beschränkt; eine begleitende Depression.
  • Für welche kognitiven Teilbereiche ist eine Rolle des Kleinhirns am besten gesichert?

    Lösung

    Exekutivfunktionen, insbesondere das verbale Arbeitsgedächtnis; Sprachproduktion und –perzeption.
  • Führen Kleinhirnläsionen zu Störungen zielgerichteter Augenbewegungen?

    Lösung

    Ja. Es resultieren Sakkaden, deren Amplituden unpräzise sind, und langsame Augenbewegungen, deren Geschwindigkeit zu gering ist.
  • Welche Sehstörung resultiert aus Kleinhirnläsionen?

    Lösung

    Eine Störung der Wahrnehmung visueller Bewegung.
  • Trägt das Kleinhirn zu kognitiven visuellen Wahrnehmungsleistungen bei, und wenn ja, zu welchen?

    Lösung

    Diese Frage wird unverändert kontrovers diskutiert. Wir favorisieren die Hypothese, dass es nur zu solchen kognitiven Leistungen beiträgt, die Wissen über die „Physik“ der Körperbewegung benötigen. 
  • Was ist eine Emotion?

    Lösung

    Emotionen sind Reaktionsmuster auf auslösende Ereignisse. Die emotionsbegleitenden physiologischen Veränderungen bereiten den Körper auf eine Handlung vor, während die Ausdrucksphänomene wie Mimik und Gestik vorwiegend kommunikative Funktion haben. Das subjektive Gefühlserleben wird aus dem Kontext der Situation und den darin auftretenden Körperreaktionen konstruiert beinhaltet den bewussten Teil der Emotion.
  • Was ist die Kernaussage der James-Lange-Theorie?

    Lösung

    Emotionen entstehen durch die Wahrnehmung spezifischer vegetativer und somatischer Veränderungen, welche in einer bestimmten Situation ausgelöst werden. Das bewusste Gefühlserleben entsteht durch die Wahrnehmung dieser Körperreaktionen.
  • Beschreiben Sie die attributionstheoretische Sichtweise von Emotionen.

    Lösung

    Emotionen sind ein Konstruktionsprozess, bei dem die in der Situation ausgelösten Körperreaktionen mit der Bewertungen auslösenden Situation abgeglichen werden und den subjektiven Gefühlszustand erzeugen.
  • Was besagt das Konzept der emotionalen Bahnung?

    Lösung

    Emotionen sind eingebettet in ein primitiveres basales Motivationssystem. Ist das aversive Motivationssystem aktiviert (z. B. bei einem bedrohlichen Reiz), werden defensive und protektive Verhaltensweisen gebahnt. Bei Aktivierung des appetitiven Motivationssystems besteht die Tendenz zur Annäherung und konsumatorisches Verhalten (z. B. Nahrungsaufnahme; Speichelfluss) wird gebahnt.
  • Was bedeutet „affektinduzierte Modulation der Schreckreaktion“?

    Lösung

    In Gegenwart unangenehmer und furchtauslösender Reize ist die Amplitude der durch einen unabhängigen Reiz („probe stimulus“) ausgelösten Schreckreaktion potenziert. Beim Betrachten angenehmer Bilder, dem Hören angenehmer Geräusche oder dem Riechen appetitlicher Gerüche kommt es zu einer relativen Hemmung dieses Schutzreflexes.
  • Worauf bezieht sich der Begriff des limbischen Systems?

    Lösung

    Ein Netzwerk zerebraler Strukturen, das einen kritischen Beitrag u. a. zu Affektkontrolle und Verhaltensantrieb leistet.
  • Welche Kerngebiete des Temporallappens sind an der Ausbildung von Furchtkonditionierung beteiligt?

    Lösung

    Amygdala
  • Welche Hirnareale stellen die „Effektorsysteme” emotionalen Verhaltens dar?

    Lösung

    Hypothalamus, periaquäduktales Grau und einige Kerngebiete des unteren Hirnstamms.
  • Wodurch waren vermutlich die Persönlichkeitsveränderungen von Phineas Gage bedingt?

    Lösung

    Durch eine Läsion des Orbitalhirns (Orbitalhirnsyndrom).
  • Was postuliert die sog. „simulation theory“ der Emotionswahrnehmung?

    Lösung

    Das Erfassen der Stimmungen anderer Menschen soll durch die Rekonstruktion der somatosensorischen Korrelate der signalisierten Affekte vermittelt werden.
  • Welche psychopathologischen Veränderungen sind häufig (ca. 40%) bei Patienten mit Hirndurchblutungsstörungen zu beobachten?

    Lösung

    Eine sog. „poststroke depression”.
  • Wie wirken sich rechtshemisphärische Läsionen gelegentlich auf die Stimmungslage eines Patienten aus?

    Lösung

    Ausbildung einer unangemessen euphorischen Stimmungslage.
  • Was wird unter „auditiver Affektagnosie“ verstanden?

    Lösung

    Eine Beeinträchtigung der Wahrnehmung des stimmlichen Affektausdrucks (emotive/affektive Prosodie) anderer Menschen.
  • Wodurch ist das Syndrom einer „gelastic epilepsy” gekennzeichnet?

    Lösung

    Epileptische Anfälle, die sich durch unwillkürliches Lachen äußern, meist – aber nicht notwendigerweise – assoziiert mit einem Gefühl der Heiterkeit, z. B. bei Thalamustumoren.
  • Wie lässt sich Bewusstsein operationalisieren, um es empirisch zu erforschen?

    Lösung

    Die Standardmethode zur Erforschung des Bewusstseins ist eine kontrastive Analyse, bei der bewusste mit unbewussten Zuständen verglichen werden; dazu kommen verbale Berichte subjektiven Erlebens sowie Verhaltensberichte (z. B. bei Tieren oder Menschen, die nicht sprechen können) zum Einsatz.
  • Was sind die wichtigsten Merkmale des Traumschlafs?

    Lösung

    Träume finden hauptsächlich, aber nicht nur im REM-Schlaf statt. Er ist charakterisiert durch niedrigamplitudige, schnelle EEG-Aktivität (ähnlich wie im Wachzustand), schnelle Augenbewegungen und aktive Inhibition des Muskeltonus. Phänomenologisch ist das Traumbewusstsein gekennzeichnet durch sensorische, vor allem visuelle Erlebnisse, bei denen die absichtliche Kontrolle über die Vorstellungsinhalte stark reduziert ist. Träume haben wahnhaften Charakter – vergleichbar mit einem Delir bei Alkoholentzug. Die Selbstüberwachung ist während des Traums reduziert, die Emotionalität ist verändert und es besteht Traumamnesie.
  • Welche Hirnstruktur wird als zentrales Bewusstseinssystem angesehen und woraus besteht diese?

    Lösung

    Das ERTAS („extended reticulo-thalamic activating system“, erweitertes retikulär-aktivierendes System) ist von Newman (1997) als zentrales Bewusstseinssystem vorgeschlagen worden. Es umfasst das aufsteigende retikuläre aktivierende System im Hirnstamm/Mittelhirn und die unspezifischen (intralaminären und retikulären) Kerne des Thalamus, des „Tors zum Bewusstsein“.
  • Was ist der Unterschied zwischen vegetativem Zustand und minimalem Bewusstseinszustand?

    Lösung

    Patienten im minimalen Bewusstseinszustand können einfache Anweisungen befolgen, gestisch oder verbal mit Ja oder Nein antworten, sich verständlich artikulieren und/oder sinnvolle Bewegungen oder emotionale Verhaltensweisen in Reaktion (aber nicht als Reflex) auf äußere Reize zeigen. Dagegen sind Patienten im vegetativen Zustand zwar wach, zeigen aber nur gelegentlich eher reflexhafte Reaktionen auf Reize.
  • Was ist ein Kardinalzellencode?

    Lösung

    Ein Code, bei dem genau eine Zelle jeweils einen Bewusstseinsinhalt repräsentiert.
  • Wie viele Abstufungen sensorischer Bewusstseinsinhalte müssen unterschieden werden?

    Lösung

    Modalitäten, Submodalitäten, spezifische Inhalte.
  • Was ist das klinische Phänomen der Extinktion?

    Lösung

    Die Auslöschung eines Reizes in einer Gesichtsfeldhälfte aus dem Bewusstsein, wenn ein konkurrierender Reiz in der anderen Gesichtsfeldhälfte gleichzeitig dargeboten wird.
  • Was beinhaltet die „Theorie der globalen Arbeitsfläche"?

    Lösung

    Eine Theorie, nach der Reizinformationen dann das Bewusstsein erreichen, wenn sie weiträumig im Gehirn verteilt werden.
  • Über welche Bewusstseinsqualitäten lässt sich die Bewusstseinslage einer Person beschreiben?

    Lösung

    Bewusstseinsniveau, Bewusstseinsinhalt und Wachheit.
  • Welche Beurteilungsebenen verwendet die „Glasgow Coma Scale"?

    Lösung

    Augenöffnung, beste motorische Antwort, verbale Antwort
  • Nennen Sie diagnostische Kriterien für den Zustand minimalen Bewusstseins.

    Lösung

    Eines oder mehrere der folgenden Verhaltensmuster: Befolgen einfacher Kommandos, gestische oder verbale Bejahung und Verneinung, verständliche Verbalisationen, zielgerichtetes Verhalten
  • Welche neurospychologischen Defizite stehen beim Delir im Vordergrund?

    Lösung

    Störungen von Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Wahrnehmung.
  • Was ist bei der Sylvischen Fissur asymmetrisch?

    Lösung

    Der Verlauf der Sylvischen Fissur ist auf beiden Hemisphären unterschiedlich. Auf der linken Hemisphäre verläuft die Sylvische Fissur horizontaler und der horizontale Teil ist auch länger. Der aufsteigende Teil der Sylvischen Fissur, der in den inferioren Parietallappen hineinreicht, ist kürzer. Auf der rechten Hemisphäre ist der horizontale Teil viel kürzer als links und ist auch steiler nach oben ausgerichtet. Der aufsteigende Teil ist auf der rechten Hemisphäre viel länger.
  • Welche globalen anatomischen Rechts-links-Unterschiede kennen Sie?

    Lösung

    Rechtshänder verfügen über eine größere „okzipitale Weite“ auf der linken Hemisphäre als Linkshänder. Die „frontale Weite“ ist dagegen bei Rechtshändern auf der rechten Hemisphäre größer. Auch asymmetrische „Verlängerungen“ des Gehirns sind berichtet worden (Petalia).
  • Was versteht man unter der Planum-temporale-Asymmetrie und was ist das Planum temporale?

    Lösung

    Das Planum temporale ist die plane Fläche auf dem Gyrus temporalis superior. Das Planum temporale ist volumetrisch linksseitig vergrößert, wobei das Ausmaß und die Richtung der Asymmetrie von der Händigkeit abhängen. Möglicherweise beeinflusst auch das Ausmaß frühkindlicher Erfahrung (z. B. beim Erwerb von Musikfähigkeiten) die Entwicklung der Planum-temporale-Asymmetrie.
  • Welche Asymmetrie kann im Sulucs centralis in der Höhe des Handareals festgestellt werden?

    Lösung

    Rechtshänder weisen eine größere linksseitige Tiefe im Sulcus centralis auf. Dies wird als Hinweis darauf gewertet, dass bei Rechtshändern der Handmotorkortex auf der linken Hemisphäre größer ist.
  • In welchem Zusammenhang steht die Corpus-callosum-Midsagittalfläche mit dem Hirnvolumen?

    Lösung

    Je größer die Gehirne sind, desto relativ kleiner werden die Corpus-callosum-Flächen. Dies bedeutet wahrscheinlich, dass mit größer werdenden Gehirnen der interhemisphärische Austausch nicht mehr effizient genug ist. Demzufolge kann man annehmen, dass die Lateralisierung und der damit verbundene interhemisphärische Austausch von der Hirngröße abhängen.
  • Was versteht man unter funktionalen Asymmetrien?

    Lösung

    Unter funktionalen Asymmetrien fasst man Leistungsunterschiede zwischen den Hirnhemisphären in der Wahrnehmung, Kognition sowie der motorischen Kontrolle zusammen.
  • Wie viel Prozent der Rechtshänder bzw. Linkshänder verfügen über eine linkshemisphärische Sprachdominanz?

    Lösung

    Fast alle Rechtshänder (ca. 95%) verfügen über eine linkshemisphärische Sprachdominanz. Bei Linkshändern schwanken die Angaben für eine linkshemisphärische Sprachdominanz zwischen 23–78%, während eine bihemisphärische Sprachdominanz bei Linkshändern bei 9–66% und eine rechtshemisphärische Sprachdominanz bei 11–19% konstatiert wird.
  • Was versteht man unter dem „Direct-Access-“ und dem „Callosal-Relay-Modell“?

    Lösung

    Rahmen des „Direct-Access-Modells“ wird angenommen, dass die Information von derjenigen Hemisphäre verarbeitet wird, welche zuerst diese Information übermittelt bekommt. Dies würde bedeuten, dass Bearbeitungsdefizite auftreten, wenn die Information in die für die übermittelten Reize subdominante bzw. nichtspezialisierte Hemisphäre übertragen würde. Beim „callosal relay“ geht man davon aus, dass die Verarbeitung bestimmter Informationen immer durch die spezialisierte Hemisphäre erfolgen soll. Werden die Informationen mittels der gesichtsfeldabhängigen Reizung in die nicht spezialisierte Hemisphäre übertragen, müssen diese Informationen gemäß dieser Modellvorstellung über die Kommissuren in die spezialisierte Hemisphäre transferiert werden. Durch diesen interhemisphärischen Informationsaustausch soll dann ein Informationsverlust oder auch die Abnahme des Signal-Rauschen-Verhältnisses stattfinden.
  • In welchen Hirngebieten sind mittels fMRT-Untersuchungen lateralisierte „Hirnaktivierungen“ für das Bearbeiten von Buchstaben und Worten, für die Verarbeitung von Gesichtsbildern, bei der Identifikation von Phonemen und beim Lösen von prosodischen Diskriminationsaufgaben gefunden worden?

    Lösung

    Bearbeitung von Buchstaben und Wörtern: linksseitige Aktivierungsdominanz des Gyrus fusiformis (Wortformareal); Gesichtsbilder: rechtsseitige Durchblutungszunahme im Gyrus fusiformis (fusiform face area: FFA); Phonemidentifikation: linkslateralisiert im Planum temporale werden zeitlich kritische Phoneminformationen bevorzugt verarbeitet; Verarbeitung von prosodischen Informationen: im rechtsseitigen Gyrus frontalis inferior.
  • Was versteht man unter der Dynamik der funktionalen Asymmetrie?

    Lösung

    Neuronale Netzwerke beider Hemisphären interagieren bei der Bearbeitung miteinander. Jede Hemisphäre trägt zur Lösung des jeweiligen Problems bei.
  • Welche Ursachen der Hemisphärenasymmetrie kennen Sie?

    Lösung

    Genetische Modelle, Reifungsmodelle, Lernmodelle und Modelle, in denen genetische Einflüsse und Erfahrungseinflüsse miteinander interagieren. Am einflussreichsten sind allerdings Modelle, in denen genetische Einflüsse und Zufallseinflüsse thematisiert werden.
  • Wovon kann die Präferenz für die Verwendung einer Hand abhängen?

    Lösung

    Sie hängt von der sensomotorischen Seitigkeit eines Menschen ab, d. h. seiner Tendenz zu spontanen leichten Drehbewegungen während der Ausrichtung auf ein Ziel hin. Daneben besteht eine enge Beziehung zwischen Handpräferenz und Rechts- bzw. Linksdominanz ritueller Handlungen, die in einem Kulturkreis überliefert sind und praktiziert werden.
  • Welche Probleme bestehen beim Versuch, die Händigkeit eines Menschen zu bestimmen?

    Lösung

    In der Psychologie erfolgt die begriffliche Abgrenzung von Links- und Rechtshändern üblicherweise durch Tests. Dabei versucht man zu ermitteln, welche Hand bei der Durchführung bekannter Tätigkeiten dominant ist. Mittels der generell verwendeten Papier-und-Bleistift-Tests gelingt es aber nur, die Händigkeit in der Asymmetrie der Imagination eines bekannten Bewegungsablaufes zu erfassen. Auch die Unterscheidung zwischen Händigkeit und Seitigkeit gelingt oft nur unvollkommen. Die Möglichkeit, dass Links- und Rechtshänder eine unterschiedliche mentale Repräsentation ihrer Hände haben, ist ebenfalls nur unvollkommen erfasst.
  • Was ist mit der Aussage gemeint, Händigkeit sei am ehesten entlang eines Kontinuums abzubilden?

    Lösung

    Damit ist gemeint, dass Händigkeit von ausgeprägter Rechtshändigkeit bis zu einer ausgeprägten Linkshändigkeit reicht und dadurch viele Zwischenformen möglich sind.
  • Was sind atypische Hirnasymmetrien?

    Lösung

    Alle von der Norm abweichenden anatomischen Rechts-links-Asymmetrien werden als atypische Asymmetrien aufgefasst. Zum Beispiel ist die Links>rechts-Asymmetrie des Planum temporale eine typische Asymmetrie. Eine Rechts>links-Asymmetrie für das Planum temporale wäre demzufolge eine atypische Asymmetrie. Auch eine Symmetrie beider Planum-temporale-Areale wäre eine atypische Asymmetrie.
  • Welche atypischen anatomischen Asymmetrien sind im Zusammenhang mit der Dyslexie/Legasthenie berichtet worden?

    Lösung

    Atypische Asymmetrien des Planum temporale und in anderen perisylvischen Hirnbereichen.
  • Welche atypischen anatomischen Asymmetrien sind im Zusammenhang mit der Schizophrenie berichtet worden?

    Lösung

    Atypische Asymmetrien in perisylvischen Hirnregionen.
  • Welche atypischen anatomischen und funktionalen Asymmetrien sind im Zusammenhang mit der Depression berichtet worden?

    Lösung

    Volumenreduktionen im linksseitigen Hippocampus, rechtsseitig in der Amygdala, reduzierte Rechts>links-Volumenasymmetrie im Lobus frontalis superior und eine Hypoaktivierung im rechtsseitigen Frontalkortex.
  • Was versteht man unter der Hebb‘schen Regel, was unter Hebb'schen Cell Assemblier? Wann tritt LTP auf, wann LTD?

    Lösung

    Hebbs Regel wird mit „cells that fire together wire together“ illustriert: simultane prä- und postsynaptische Erregung benachbarter Neurone führt zu gesteigerter Erregbarkeit der beiden Neurone beim nächsten Impuls. Cell Assemblies oder neuronale Netzwerke werden darüber gebildet. Hebb’sche Cell Assemblies sind Zellverbände, die durch synchrone Aktivität ihre Verbindung stärken und sich von anderen Zellverbänden abgrenzen. Merkmal eines Cell Assemblies ist, dass Aktivierung eines Teils die Aktivierung des gesamten Netzwerks initiiert. LTP und LTD beschreiben die chemischen Prozesse an der Synapse bei gleichzeitiger Erregung.
  • In welcher Weise verändert Deafferenzierung die funktionelle kortikale Organisation?

    Lösung

    Repräsentationsareale des/der deafferenzierten Körperteils/Gliedmaße werden bei Input in homunkulär benachbarte Repräsentationsareale aktiviert.
  • Erklären Sie das Prinzip gebrauchsabhängiger Reorganisation/Plastizität.

    Lösung

    Gebrauchsabhängig induzierter intensivierter afferenter Input führt zu erhöhter Effizienz des Netzwerks im Repräsentationsareal, messbar in ausgedehnter oder stärkerer Reaktion auf Stimulation, aber auch strukturellen Änderungen (Rekrutierung von Neuronen ins Cell Assembly)
  • Was unterscheidet funktionelle kortikale Reorganisation von S-R-Lernen?

    Lösung

    Kortikale Reorganisation erfolgt durch intensiven afferenten Input unter hoher Motivation, S-R-Lernen ist nur über zeitliche Kontiguität von Reiz und Reaktion erklärbar, was für Reorganisation nicht zutrifft.
  • Was bedeutet Pseudoplastizität im Vergleich zu Neuroplastizität?

    Lösung

    Pseudoplastizität geht nicht mit strukturellen Veränderungen einher, ist durch kontextuelle oder Variation der Aufmerksamkeit bedingte erhöhte Reaktivität des Netzwerks.
  • Welche zentralen Elemente kennzeichnen Rehabilitationsverfahren nach Constraint-Induced-Prinzipien? Skizzieren Sie eine Behandlung, um gelernten Fehlgebrauch beim Gang zu überwinden.

    Lösung

    Constraint betrifft den reduzierten afferenten Input in Regionen, die über kompensatorische Bewegungen aktiviert und gestärkt würden, indem diese kompensatorischen Bewegungen unterbunden werden (Schlinge, Handschuh etc.). Induced betrifft den nach Shaping-Prinzipien indzierten afferenten Input in betroffene oder Zielareale über zeitintensive und nach Schwierigkeit aufeinander aufbauende Übungen in motivierendem (alltagsrelevantem etc.) Kontext.
  • Ist die Fähigkeit des Gehirns zu neuroplastischen Veränderungen auf ein bestimmtes Alter beschränkt?

    Lösung

    Nein, Neuroplastizität tritt auch noch im hohen Alter auf, am ausgeprägtesten im Kindes- und jungen Erwachsenenalter
  • Definieren sie Neuroplastizität.

    Lösung

    Neuroplastizität ist die Fähigkeit des zentralen Nervensystems sich an Änderungen im Umgang mit der Umwelt anzupassen, neue Verhaltensweisen zu akquirieren, erlernen und optimieren, um Verhalten bestmöglich an die Gegebenheiten des täglichen Umfeldes anzupassen. Im Text wird das Thema der Funktionsanpassung am Beispiel des motorischen Systems diskutiert. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Funktionsanpassung, die durch Alterungsprozesse und durch umschriebene Hirnschädigungen notwendig wird. Auch werden – am Beispiel der nichtinvasiven Hirnstimulation – Möglichkeiten dargestellt, wie neuroplastische Vorgänge unterstützt werden können, um funktionelle Verbesserung zu erzielen.
  • Welche Veränderungen treten im Gehirn beim Lernen auf?

    Lösung

    Training, Lernen und Akquisition einer motorischen Fähigkeit führt nicht nur zu einer funktionellen Verbesserung, sondern auch zu Änderungen der aufgabenspezifischen kortikalen und subkortikalen Aktivierungsmuster, d. h. der Repräsentation der erlernten Fähigkeit im Gehirn, abhängig vom erzielten Lernstatus.
  • Benennen Sie unterschiedliche Lern-/Trainingsstrategien und beschreiben Sie wie sich diese auf die verschiedenen Komponenten von Lernen auswirken.

    Lösung

    Es hat sich herausgestellt, dass es von der Strategie des Trainings („Training en bloc" versus „Random Training") abhängt, ob sich eine Fähigkeit während des Trainings verbessert oder nicht (sog. „Online-Verbesserung") und ob sich das Trainierte gut konsolidiert (sog. „Offline-Verbesserung"). Ein "Training en bloc" (= wiederholtes Training einer Sequenz A) führt zu deutlichen Online-Verbesserungen bei nicht so ausgeprägter Offline-Verbesserung. Dahingegen führt ein "Random Training" (= Sequenz A – Sequenz B – Sequenz A – Sequenz B) zwar zu einer schlechteren Online-Verbesserung, aber dafür zu einer deutlich besseren Offline-Verbesserung und nachfolgend einer besserer Retention des Gelernten.
  • Zählen Sie bitte Methoden der nichtinvasiven Hirnstimulation auf und beschreiben Sie diese und ihre Effekte

    Lösung

    Transkranielle Magnetstimulation, transkranielle Gleichstromstimulation. Mit diesen Methoden kann kortikale Aktivität transient moduliert werden (hemmend vs. aktivierend abhängig vom Stimulationsprotokoll). Weiter lassen sich mit TMS sog. virtuelle Läsionen erzeugen.
  • Diese Methoden finden mittlerweile auch in der klinischen Forschung Anwendung vor allem zur Förderung der Erholung nach Schlaganfall. Beschreiben sie kurz die Konzepte, die der Anwendung bei Schlaganfallpatienten zugrunde liegen.

    Lösung

    Unter Verwendung transkranieller Magnetstimulation (TMS) und transkranieller Gleichstromstimulation (tDCS) wurden zwei Möglichkeiten der Intervention vorgeschlagen: 1. eine erregbarkeitssteigernde Stimulation des Motorkortex der geschädigten Hemisphäre und 2. eine hemmende Stimulation des Motorkortex der intakten Hemisphäre zur Reduktion des abnormen inhibitorischen Einflusses der intakten auf die geschädigte Hemisphäre.
  • Wie sind Sprachfunktionen im gesunden Gehirn gemäß dem dualen Netzwerkmodell von Hickok und Poeppel organisiert?

    Lösung

    Dieses Modell postuliert die Organisation von Sprachfunktionen entlang zweier Verarbeitungswege: Ein dorsaler Verarbeitungsweg verbindet temporoparietale Regionen mit frontalen Arealen und ist vornehmlich für die sensorisch-motorische Verarbeitung zuständig. Ein ventraler Verarbeitungsweg verbindet temporale Areale mit präfrontalen Regionen und gewährleistet die Verarbeitung sensorischer Lautrepräsentationen zu bedeutungsvollem Inhalt.
  • Wie lassen sich Kompensationsfähigkeit und funktionelle Relevanz einzelner Netzwerke für Sprachfunktionen im gesunden Gehirn untersuchen?

    Lösung

    Eine nichtinvasive Untersuchungsmethode stellt die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) dar. Mit dieser Methode lassen sich gezielt bestimmte (Sprach-) Funktionen kurzzeitig hemmen oder bahnen. Die Verabreichung der rTMS während einer Aufgabe (online rTMS) erlaubt die Untersuchung der funktionellen Relevanz des stimulierten Areals für eine bestimmte Funktion, während die Verabreichung vor einer Aufgabe (offline rTMS) die Untersuchung von akuten Kompensations- und Reorganisationsmechanismen ermöglicht.
  • Wie wird die Dynamik der sprachlichen Erholung nach einem linkshemisphärischen Schlaganfall im 3-Phasen-Modell von Saur et al. beschrieben?

    Lösung

    Die akute Phase nach dem Schlaganfall zeichnet sich durch geringe Aktivierung von linkshemisphärischen Arealen im fMRT aus. Die Stärke der linkshemisphärischen Aktivierung ist dabei mit der sprachlichen Leistung korreliert. In der subakuten Phase ist eine verstärkte Hochregulierung des Sprachnetzwerks zu beobachten, insbesondere von kontralateralen homologen Arealen. Diese korreliert mit der Verbesserung der sprachlichen Leistung. In der chronischen Phase kommt es zu einer Aktivierungsnormalisierung in linkshemisphärischen Arealen mit Herabregelung von rechtshemisphärischer Aktivität. Dabei ist zu beachten, dass die Ergebnisse aus einer Gruppenanalyse stammen und der individuelle Verlauf in Abhängigkeit von Läsionslokalisation und -größe durchaus auch eine andere Dynamik aufweisen kann.
  • Beschreiben Sie die Befunde zum Therapieerfolg der Aphasie nach Schlaganfall.

    Lösung

    Insgesamt scheinen kurze intensive Trainingseinheiten auch in der chronischen Phase nach einem Schlaganfall besonders wirksam zu sein. Der Therapieerfolg hängt weiterhin von der allgemeinen Beeinträchtigung der kognitiven Funktionen und dem prämorbiden Intelligenzniveau ab.
  • Beschreiben Sie die Befunde zur Unterstützung der Reorganisation mit Pharmakotherapie und transkraniellen Stimulationstechniken.

    Lösung

    Erste Befunde zur Kombination von Sprachtherapie und Pharmakotherapie zeigen, dass die Gabe von Memantin, Piracetam sowie Dopamin und Amphetaminen zu einer signifikanten Verbesserung der Sprachfunktionen führen kann. Die Befunde zum Einsatz transkranieller Stimulationstechniken sind sehr heterogen und bisher durch die geringe Stichprobenzahl limitiert.
  • Welche drei Möglichkeiten diskutiert Gilbert für die Erhöhung der Verarbeitungseffizienz neuronaler Einheiten?

    Lösung

    Hinzufügung zusätzlicher Elemente, präzisere Abstimmung existierender Elemente, funktionelle Reallokation.
  • Welche neuronalen Mechanismen tragen bei blinden Menschen zu kompensatorischen Leistungen bei?

    Lösung

    Intramodale und intermodale Plastizität.
  • Wie kompensieren blinde Menschen den Verlust visueller Informationen bei der Personenerkennung?

    Lösung

    Blinde Menschen zeigen ein besseres Gedächtnis für Stimmen und können diese besser diskriminieren. Dies gilt auch für die Unterscheidung unterschiedlicher emotionaler Tönungen.
  • Welche „höheren“ Sehfunktionen erholen sich nach frühkindlicher visueller Deprivation nur unvollständig?

    Lösung

    Gesichtserkennung, visuelle Merkmalsbindung.
  • Was versteht man unter dem „Kennard-Prinzip“?

    Lösung

    Das Kennard-Prinzip beschreibt eine überlegene Kompensationsfähigkeit des sich entwickelnden Gehirns gegenüber dem Gehirn eines Erwachsenen nach fokalen Läsionen.
  • Warum können viele Kinder mit früh erworbenen unilateralen Hirnläsionen nach operativer Abtrennung einer Hemisphäre die kontralaterale Hand weiter bewegen?

    Lösung

    Früh erworbene unilaterale Schädigungen des kortikospinalen Systems können eine Persistenz von ipsilateralen kortikospinalen Projektionen nach sich ziehen, sodass dann die kontraläsionelle Hemisphäre die motorische Steuerung der ipsilateralen Körperhälfte übernehmen kann.
  • Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen der Reorganisation von Motorik und der Reorganisation von Sprache nach früh erworbenen linkshemisphärischen Schädigungen?

    Lösung

    In beiden Systemen sind Funktionen in frühen Stadien der Entwicklung bihemisphärisch angelegt. Deshalb kann im Fall einer unilateralen Schädigung (im Fall von Sprache der linken Hemisphäre) auf die Funktonalität der nicht geschädigten Hemisphäre zurückgegriffen werden. Diese Funktionsübernahme funktioniert in beiden Systemen homotop, d. h., es werden Hirnteile der nicht geschädigten Hemisphäre rekrutiert, die den normalen Repräsentationen symmetrisch gegenüberliegen. Schließlich ist in beiden Systemen das Kennard-Prinzip deutlich: Je früher eine Funktionsübernahme durch die nicht geschädigte Hemisphäre erfolgt, umso besser ist die Funktionalität.
  • Welche Reorganisations- und Kompensationsmöglichkeiten gibt es im somatosensorischen System?

    Lösung

    Im somatosensorischen System gibt es offenbar keine Funktionsübernahme durch die nicht geschädigte Hemisphäre, also keine interhemisphärielle Reorganisation. Auch die Möglichkeiten für eine intrahemisphärielle Verschiebung kortikaler Repräsentationen sind, wenn überhaupt, nicht sehr ausgeprägt. Allerdings wurden hier „axonale Umleitungen“ um geschädigte Areale der weißen Substanz beschrieben.
  • Welche Konsequenzen hat eine schädigungsbedingte Verschiebung der Sprachdominanz in die rechte Hemisphäre?

    Lösung

    Unabhängig von der Seite der Schädigung haben Kinder mit einseitigen Schädigungen sprachrelevanter Areale eine initial meist verzögerte Sprachentwicklung, können dann jedoch normale Sprachfunktionen entwickeln. Im Fall von linkshemisphärischen Schädigungen geht eine Funktionsübernahme durch die rechte Hemisphäre zu Lasten der Funktionalität originär rechtshemisphärischer Funktionen (der sog. „Crowding-Effekt“). Nicht vollständig geklärt ist bislang, ob solche Patienten im Erwachsenenalter eine wirklich völlig normale Sprache besitzen oder ob doch subtile Defizite nachweisbar sind.
  • Was versteht man unter Neurofeedback?

    Lösung

    Echtzeitrückmeldung der Aktivität des Gehirns. Ermöglicht, die Aktivität willentlich zu verändern. Apparatur: Brain-Computer-Interface (BCI).
  • Wie stellt man sich die dem Neurofeedback zugrunde liegenden Lernmechanismen vor?

    Lösung

    Neuromodulation und Langzeitpotenzierung.
  • Welche Komponenten beeinflussen die BCI-Leistung?

    Lösung

    Individuelle Eigenschaften der Personen, Eigenschaften des BCI, Art des verwendeten Feedbacks, die zu steuernde Anwendung.
  • Was sind sensomotorische Rhythmen und was ist eine P300?

    Lösung

    SMR: Aktivität im α-Band über sensomotorischen Arealen, desynchronisiert bei Bewegungsvorausführung, -vorbereitung und -vorstellung. P300: positiver Spannungsausschlag im EEG 300 ms nach Stimuluspräsentation, typischerweise sichtbar im Oddball-Paradigma.
  • Welche Störungsbilder sind Ziel von Neurofeedback und warum?

    Lösung

    ADHS: neuronales Korrelat der Störung gut bekannt: höherer Anteil θ-Aktivität im Verhältnis zur β-Aktivität. Verhältnis durch Neurofeedback veränderbar. Schlaganfall: Induktion von neuronaler Plastizität in motorischen Arealen durch Bewegungsvorstellung. Idee: Erhöhung der Aktivität in der geschädigten Hemisphäre. Erhöhung des Anteils höherer Frequenzen im EEG zur Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit.
  • Bei welcher Störung ist die Wirksamkeit von Neurofeedbacktherapie am besten nachgewiesen?

    Lösung

    Randomized
  • Was versteht man unter dem Generalfaktormodell des kognitiven Alters und was sind gängige Methoden um dieses Modell zu überprüfen?

    Lösung

    Darunter versteht man die Hypothese, dass kognitives Altern weniger durch spezifische Funktionseinbußen charakterisiert ist, sondern vielmehr durch Defizite in einer unspezifischen Resource. Eine Methode, dieses Modell zu überprüfen, besteht darin, mittlere Reaktionszeiten alter Erwachsener aus verschiedensten Aufgaben gegen die entsprechenden Reaktionszeiten junger Erwachsener aufzutragen. Wenn sich diese Daten durch eine einfache, lineare Funktion erklären lassen (deren Steigung die generelle Verlangsamung widerspiegelt), dann wäre dies konsistent mit dem Generalfaktormodell.
  • Was sind mögliche neurokognitive Ursachen für altersabhängige Gedächtnisprobleme?

    Lösung

    Eine zweite Methode besteht in dem regressionsanalytischen Ansatz, Alterseffekte in komplexeren Aufgaben (episodisches Gedächtnis, Intelligenz) durch Altersunterschiede in basalen Aufgaben zu erklären. In dem Ausmaß, in dem dies möglich ist – vor allem, wenn es sich um längsschnittliche Daten handelt –, wäre wiederum das Generalfaktormodell bestätigt.
  • Was ist ein möglicher Grund dafür, dass im normalen Altern semantisches Wissen oft altersresistent ist, der Abruf lexikalischer Information jedoch deutliche Alterseffekte aufzeigt?

    Lösung

    Zwei Faktoren scheinen zusammenzuwirken. 1. Eine reduzierte Fähigkeit, neue Verbindungen aufzubauen, die vor allem mit Defiziten im Hippocampus in Verbindung gebracht wird. 2. Reduzierte exekutive Funktionen, die mit Defiziten in frontalen Gehirnregionen assoziiert sind.
  • Wodurch ist eine Demenz charakterisiert?

    Lösung

    Dies könnte daran liegen, dass semantisches Wissen redundant codiert ist und daher weniger anfällig ist gegenüber dem Verlust von spezifischen Verbindungen. Lexikalische Information hingegen fehlt diese Redundanz bei Verbindungen zwischen Bedeutung und Wortform.  
  • Welche anderen kognitiven Defizite können bei einer Demenz neben den Gedächtnisstörungen noch auftreten?

    Lösung

    Die Demenz ist charakterisiert durch eine erworbene Beeinträchtigung des Gedächtnisses in Kombination mit dem Abbau weiterer Hirnleistungen und der daraus resultierenden Beeinträchtigung im Alltag. Im Gegensatz zum Delir sollten Bewusstsein und Wachheit nicht beeinträchtigt sein.
  • Welche anderen Störungen sind neben den kognitiven Störungen noch möglich?

    Lösung

    Zur Demenzdiagnose sind Defizite in mindestens zwei kognitiven Domänen die Voraussetzung; Gedächtnis und eine weitere kognitive Fähigkeit. Dies können sein: Defizite der Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit, der komplexen Wahrnehmung und des Erkennens, Defizite im Sprachverständnis, Sprachausdruck, in räumlich konstruktiven Fähigkeiten, in der räumlichen Orientierung oder eine Verminderung der Planungs- und Urteilsfähigkeit.
  • Was versteht man unter einer „milden kognitiven Beeinträchtigung“?

    Lösung

    Wesensänderungen im Sinne von Persönlichkeitsänderungen, Störungen der Affektkontrolle, des Antriebs und/oder des Sozialverhaltens.
  • Welches sind die häufigsten Krankheiten, die zu einer Demenz führen?

    Lösung

    Eine milde kognitive Beeinträchtigung kann bereits diagnostiziert werden, wenn neuropsychologische Tests konsistent die Leistungsminderung in einer kognitiven Domäne nachweisen, z. B. nur im Bereich des Gedächtnisses oder nur im Bereich der Exekutivfunktionen. Im Gegensatz zur Demenz muss eine Beeinträchtigung der Alltagsaktivitäten nicht zwingend vorliegen. Ob den Defiziten wirklich eine fortschreitende neurologische Erkrankung zugrunde liegt oder ob sie stabil oder gar reversibel sind, bleibt offen. Der Begriff „milde kognitive Beeinträchtigung“ ist rein deskriptiv und sagt nichts über die Ursache aus.
  • Fertig!

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